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Bericht über die Mission in Turkestan, in der „Friedensstimme“ Nr. 32, vom 9. August 1908, S. 501-502

 

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

 

Eine Mission in Turkestan in Aussicht.
Der Gedanke, von unsern Turkestaner Mennonitenkolonien aus eine Mission unter der dortigen mohamedanischen Bevölkerung zu gründen; ist innerhalb der M.-Br.-G. in Südrußland nicht neu. Die Frage wurde früher schon angeregt und eine Arbeit in Aussischt genommen, jedoch traten Umstände ein, die das Werk damals verhinderten. Jetzt ist man, wenn Gott auch weiterhin Gnade schenkt, nahe an der Verwirklichung dieses Gedankens. Während meines zweiten Aufenthalts in Berlin, vor meiner Rückreise traf ich dort den Br. Prediger Wilhelm Penner von Nikolajewka (Nikolaipol – E.K.), Post Aulie Ata, Turkestan, und den englischen auch unter uns bekannten Evangelisten Broadbent, der soeben Turkestan besucht hatte. Vorher hatten schon einige Brüder in sich den Ruf verspürt und dieses auch ausgesprochen, unter den Mohamedanern Turkestans zu arbeiten. Die Turkestaner Brüder fühlten es als einen Druck auf ihrem Gewissen, daß sie so lange dort gewohnt und eigentlich noch nichts für die Evangelisation des Landes getan hätten.
Erfreulicherweise waren beide dortigen Gemeinden sich einig, den Prediger W. Penner mit Broadbent nach Deutschland und England zun senden, um dort die Verhäktnisse zu schildern und das Interesse zu wecken. Es sind vorläufig drei Punkte ins Auge gefaßt worden, von wo aus die Mission betrieben werden könnte: Aulie Ata, Taschkent und Chiwa. Möge der Herr alles leiten und reichlich segnen. Wir entnehmen inbezug dieser Sache den „Mitteilungen aus der Allianzbibelschule“ folgendes:
Auf ein großes neues Arbeitsfeld hat der Herr unser Interesse gerichtet: Turkestan in Russisch – Zentralasien. Dieses früher so schwer erreichbare und fast unbekannte Lamd hat die von den Russen erbaute über 3000 km lange Transkaspische Eisenbahn aufgeschlossen, so daß jetzt von Krasnowodsk am Ostufer des Kaspischen Meeres aus über Merw und Samarkand die alte Handelsstadt Taschkent bequem zu erreichen ist. Die andere bequeme Verbindung nach Europa vermittelt die Eisenbahn Taschkent – Orenburg. Eine Zweiglinie fährt sogar noch weiter östlich über Khokand nach Andischan und Kuwa.
Dort in jenen Gebirgslandschaften, die durch die Höhen des Tientschan von dem chinesischen Turkestan (mit den Städten Kaschgar und Jarkent) getrennt sind, gibt es seit noch nicht 30 Jahren einige deutsche Ansiedlungen. Unsere deutschen Brüder wohnen dort inmitten einer mohammedanischen Bevölkerung von Usbeken, Turkmenen, Sarten und Kirgisien. Es ist eine herrliche Gegend östlich von Taschkent. Die deutschen Dörfer liegen dort in einer Ebene, die aber schon über 4000 Fuß über dem Meere hoch ist; viel höher sind die zahlreichen schneebedeckten Bergriesen, die jene Ebene umringen. Blühende Felder, Gärten, wohlgezogene Obstbäume sind ein Beweis für den Fleiß der Ansiedler in diesen wohlbewässerten Alpengegenden. Weiter im Gebirge wohnen die Kirgisen. Sie sind Nomaden, dienen aber gern den deutschen Landleuten.
Warum hat der Herr nun diese deutschen Geschwister mitten unter die Mohammedaner Zentralasiens gestellt?
Ohne Zweifel, weil Er dort etwas vor hat für das große Volk, das inmitten einer herrlichen Umgebung im Finstern wandelt.
Hier ist eine besondere Gelegenheit gegeben, um ein Missionswerk unter den Mohammedanern zu beginnen.
Hier braucht nicht ein einzelner Missionar in einem ihm völlig unbekannten Lande erst mit Mühe und Not Sitten und Sprache erlernen usw., sondern die Pionierarbeit ist bereits getan durch die dortigen deutschen Mennoniten. Sie besitzen das Vertrauen der Bevölkerung, kennen ihre Gebräuche und ihren Charakter und stehen in lebhaftem Verkehr mit ihnen. Unter ihnen sind manche wirklich Gläubige, die das brennende Verlangen haben, etwas zu tun, und die der Ankunft einiger Missionsarbeiter freudig entgegensehen, entschlossen, ihnen nach Kräften in jeder Beziehung zu helfen. Daß gerade fremde frische Kräfte von außen zu dem dortigen Missionswerk, das jetzt begonnen werden soll, nötig sind, hat verschiedene Gründe. Unsere Brüder dort sehnen sich auch selbst nach frischen Hilfskräften, nach Auffrischung und besonders nach solchen Brüdern, die keiner ihrer Parteien angehören, sondern unbeirrt von den leider unter ihnen vordem vorhandenen Richtungen ein gesundes, biblisch gerichtetes Missionswerk beginnen möchten.
Schon vor zwei Jahren legte der Herr dieses Werk einigen Brüdern in der Bibelschule aufs Herz.
Nun ist im Namen der Brüder aus Asien Br. Penner persönlich nach Deutschland gekommen, um einen oder mehrere Brüder abzuholen. Sein kommen ist ein Beweis von dem dringenden Wunsche der dortigen Gläubigen, nun endlich den vielen Kirgisen, die ihnen fast dreißig Jahre äußerlich gedient haben, die große Schuld abzutragen, die wir alle den Verlorenen gegenüber fühlen sollten: Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkündigte!
So hat der Herr alles wunderbar zubereitet. Fünf oder sechs Brüder sind willig und bereit zu gehen. Zwei von ihnen werden erst nächstes Jahr gehen, nachdem sie einen gründlichen medizinischen Kursus auf dem Livingstone – College in London beendigt haben. Für die anderen sind schon jetzt in wunderbarer Weise die Wege geebnet. Das hat der Herr getan.
Werfen wir noch einmal einen Blick auf jenes gewaltige Gebiet, größer als Deutschland.
Da ist tTaschkent mit etwa 160 000 Einwohnern, berühmt durch seine Seiden- und Baumwollwebereien an der uralten Handelsstraße nach Mittel- und Südasien.
Hier kann die Arbeit sofort begonnen werden. Die Stadt ist der Mittelpunkt der sartischen Nation, ein nicht mongolisches, sondern indo – europäisches Volk, mit entwickelter Kultur.
In dieser Stadt besteht bereits eine lebendige russische Gemeinschaft, bis jetzt geleitet von einem Unteroffizier. Dort wäre Arbeit für einen russischen Bruder. Auch einige gläubige Deutsche wohnen dort. Dort könnte ein Bruder beginnen und die sartische Sprache erlernen.
Samarkand – um das Jahr 1400, die alte Hauptstadt des gewaltigen von Timur gegründeten Mongolenreiches, wovon noch zahlreiche prächtige Ruinen zeugen, hat jetzt etwa 60 000 Einwohner.
Zahlreiche größere und kleinere Städte und Dörfer könnten von diesen Städten aus erreicht werden.
Ein anderer Anknüpfungspunkt ist in Chiwa, die Hauptstadt des gleichnahmigen unter russischen Einfluß stehenden Fürstentums. Der Fürst oder Chan ist den Deutschen sehr gewogen und hat manche Beweise dafür gegeben. Etwa 30 Mennonitenfamilien in seinen Gärten haben sein volles Vertrauen gewonnen. Dort ist eine deutsche Schule zu bedienen, deren Stelle jetzt unbesetzt ist. Hier könnte ein Bruder dienen und zugleich die Sprache erlernen in dieser echt asiatisch – mohammedanischen Stadt.
Auch in dem Fürstentum (oder Emirat) Buchara, das wie Chiwa von Rußland abhängig ist, wäre eine Missionsarbeit so sehr wichtig. Ist doch Buchara mit seinen über 70 000 Einwohnern eine aufblühende Stadt, die den Handel zwischen Indien und Europa vermittelt, durch hochentwickelte Gewerbe bekannt und besonders auch als Sitz mohammedanischer Gelehrsamkeit berühmt ist. Hier werden nicht weniger als 10 000 Schüler von 1 000 Lehrern in der Lehre Mohammeds unterrichtet.
Vor einigen Jahren war es noch unmöglich, diese Länder zu besuchen. Jetzt sind die geöffnet. Werden die Jünger des Herrn ihre Aufgabe erkennen, die sie auch diesen Millionen unsterblicher Menschenseelen gegenüber haben?

Es ist Zeit, daß das Evangelium auch den tatarischen Reiterstämmen, des Usbeken und Turkmenen, den Sarten und Kirgisen gebracht werde. Diese Völker selbst heißen die Fremden jetzt willkommen und schenken den Deutschen das meiste Vertrauen. Sollten nicht die Gläubigen Deutschlands mit Freuden diesem Winke folgen und die Evangelisation jener Nationen fürbittend und mithelfend aufs Herz nehmen?
   
Zuletzt geändert am 9 April, 2018