Home | Chortitza Kolonie | Molotschna Kolonie | Dörfer in Russland | Bücherregal | Karten | Bilder | Namen | Sitemap

 

Bericht über die Deutschen in Turkestan aus Orlow, bei Aulie-Ata, in der „Friedensstimme“ Nr. 80 vom 15. Oktober 1911, S. 5

 

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

 

Die Deutschen in Turkestan.

Als Antwort auf den Artikel in Nr. 53 der Frdst. „Die Deutschen in Turkestan“ bitte ich Sie nachfolgenden Artikel aus der Saratower „Deutschen Volkszeitung“ in in der Frdst. zu veröffentlichen.
„Die Nowoje Wremja“ hat sich dazu bequemen müssen, eine ihr sehr unangenehme Widerlegung aufzunehmen. Kürzlich hatte sie über die „Deutschenwirtschaft“ in diesem Gebiet gewütet und ein langes und ein breites über das Ueberhandnehmen der deutschen Kolonisten erzählt, wie über kurz oder lang Russisch–Mittelasien zu einem Stückchen „deutschen Vaterlandes“ werden würde, während doch Rußland sein Land für die russischen Bauern brauchte usw. Nun erhält das Blatt vom Leiter der Turkestaner Uebersiedlungsverwaltung, Herrn A.M. Sacharow, eine sachlich gehaltene Widerlegung, aus der erhellt, daß es im ganzen Gebiet seit dessen Eroberung (d.h. seit 45 Jahren) nur vier deutsche Dorfsgemeinden gibt mit insgesamt 376 Höfen, die über einen Landbesitz von zusammen 9283 Dessj. verfügen. In derselben Zeit sind im Gebiet nicht weniger als 11 000 russische Bauernhöfe eingerichtet worden, so daß die Zahl der russischen Uebersiedler die der deutschen um das Dreißigfache übersteigt. Im Uebrigen seien die Deutschen seit Geschlechtern russische Untertanen und von durchaus loyaler Gesinnung.
So weit die „D. Volksz.“
Mich wunderts, daß der Artikel in der Friedensstimme so lange unbeantwortet blieb, und möchte doch zu Obengesagtem nur noch einiges als Berichtigung beifügen.
Der Berichterstatter der „Now. Wr.“ sagt anfangs seines Artikels, die Deutschen – Auswanderer des Samarischen und Saratowschen Gouvernements, hätten trotz gesetzlicher Proteste der Gebietsverwaltung das für russische Ansiedler bestimmte Land eingenommen. Außer den schon seit 20 – 25 Jahren bestehenden deutschen Kolonien Konstantinowka (Lutheraner) bei Taschkent *), Романовка (Köppental) Николайпольский посёлокъ, eigentlich bestehend aus 3 Dörfern (nahe beieinander liegend) Николайполе (Nikolaipol), Андреевка (Gnadental) und Владимировка (Gnadenfeld), dann Orlow (alle bei Aulieata), sind in letzter Zeit noch 3 deutsche Ansiedlungen entstanden und zwar ungefähr 5 Werst von Константиновка das Dörfchen Акджаръ (Lutheraner), dann Алексеевка (ungefähr 30 Familien Mennoniten) am Flusse Tschu und Notendorf  (14 Höfe Mennoniten), letztere beide im Aulieatinschen Bezirk. Von keinem derselben wüßte ich, daß die Behauptungen des Berichterstatters zuträfen. Unsere beiden Ansiedlungen Alexejewka und Notendorfsind auf Anraten der örtlichen Administration entstanden und wissen wir nichts von Protesten der Gebietsverwaltung, haben auch kein Land an russische Ansiedler verpachtet, denn Alexejewka am Tschu liegt ganz abgelegen. Das einzige Russendorf Suljaewka liegt 30 Werst ab, und haben die Russen daselbst mehr Land als sie bearbeiten können. In Notendorf ist es auch, ebenso wie in den andern hiesigen Dörfern, noch nicht vorgekommen, daß Russen von den Deutschen Land gepachtet hätten, obgleich ersteres nur 5 Werst von dem großen Russendorfe Dimitriewka liegt. Daß sich die Deutschen trefflich (wenigstens anders als die Russen) eingerichtet haben, ist auch öfters in den örtlichen Preßorganen (z.B. unlängst in den Turkestanskije Wedomosti) bemerkt worden, wo die deutschen Ansiedlungen in einem besseren Lichte dargestellt wurden. Aber daß die Russen, mit denen sie überhaupt fast keinen Umgang haben, von ihnen so ausgebeutet und geknechtet worden, das hat nur die „Now. Wr.“ Bemerkt. Weiter, daß die Deutschen unter den Russen Propaganda für den Stundismus machen, ebenso die Gründe, welche die Russen zwingen, zum Stundismus überzugehen, um der Knechtung und Ausbeutung durch die Deutschen zu entgehen, das sind L...oder Behauptungen, für welche die „Nowoje Wremja“ wohl nicht Beweise liefern könnte. Ueber den Prozentsatz der Deutschen in Turkestan wird wohl der Herr Sacharow auch besser unterrichtet sein als der Redakteur der „Nowoje Wremja“ Suworin.

Orlow bei Aulie – Ata.

*) Die „Nowoje Wremja“ nennt das Dorf Kaufmannskoje, welches aber ein Russendorf ist, und wohnen daselbst nur 4 – 5 Familie Deutsche (Handwerker).
   
Zuletzt geändert am 30 März, 2018