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Ein trauriger Bericht (ein Todesfall) von J. Wall aus Turkestan, aus „Friedensstimme“ Nr. 4 vom 24 Januar 1909, S. 9

 

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

 

Heimgang unseres Töchterleins.
Als unsere älteste Tochter krank wurde, flehten wir den Herrn an, daß er sie nicht unvorbereitet sterben lasse, da sie doch nicht mehr unschuldig sei. Sie genas. Darauf brachte die Friedensstimme den Artikel von der Kinderbekehrung. Jetzt möchte ich eine Bestätigung zu jenem Aufsatze bringen.
Fast zu gleicher Zeit wurden unsere übrigen drei Kinder krank, die sechsjährige Neta zuerst und am heftigsten. Freitag, am 19. Dez. hatte sie abends bis 12 Uhr heftiges Fieber; dann forderte sie Bleistift und Papier und zeichnete etwas, darauf schlief sie ein. Am Morgen sang sie mit den andern Kindern sehr freudig die gelernten Weihnachtslieder. Da ich, sie beruhigen wollte, weil sie doch krank sei, sagte sie fröhlich: Papa, ich bin ganz gesund! Darauf bat sie mich, ob sie auf dem Harmonium spielen dürfe; ich setzte die Harmonijia hinauf, und sie spielte das Lied: Christus, der ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn.
Sie wurde nun ernstlich krank! Als sie Sonntag, den 21. sehr unruhig war, sagte ich, sie solle einmal alles dem Heiland sagen. Dann faltete sie die Hände und sagte: Papa, wollen einmal beten. Sie betete: „O Heiland, es geht so schlecht; mach mich gesund; verzeih mir alle Sünden aus vollem Herzen, daß ich in den Himmel komm. Amen.“ Auf die Frage, was für Sünden sie getan habe, sagte sie weinend: „Ich habe die andern Kinder geschlagen.“ Dieselben wurden ans Bett geholt, und es wurde alles verziehen. Sie umarmte auch die Mama, küßte sie und rief weinend: „O, Mama, verzeih mir doch alles!“ Als sie später betete, sagte sie: „O, Heiland, es geht so schlecht, aber ich bin froh, daß ich ein reines Herz habe, Heiland, ich hab dich so lieb!“ Sie betete noch oft und auch verschiedenes, auch für andere. Als einmal die Not groß wurde, rief sie: „O, lieber Herr Gott!“ und sagte ihm alle Schmerzen. Nachdem auch wir gebetet hatten, sagte sie: „So, jetzt tut mir nichts weh.“
Mittwoch Abend, als die Schüler unterm Christbaum versammelt waren, fragte ich, bevor ich hinausging, ob sie sterben wolle, „Vor Weihnachten nicht“, war die Antwort. Als ich zurückkam und ihr die Geschenke überreichte, dazu den neuen Bethlehemsstall zeigte, war sie sehr glücklich. In der Nacht und am ersten Feiertag phantasierte sie viel. Abends sahen wir schon, wohin es ging. Auf die Frage, ob sie jetzt sterben wolle, antwortete sie: Ja. Da die Not höher stieg, betete sie kaum hörbar: „Heiland, komm! Heiland komm!“ Später winkte sie noch mit der Hand und lispelte: „Heiland, Heiland!“
4 Uhr morgens, am 2. Weihnachtstag verschied sie. Unsern Schmerz will ich nicht beschreiben, den verstehen ja alle, die schon am Sterbebett ihrer Lieben gestanden haben. Ich habe aber den Wunsch, daß sich alle Kinder bekehrten, und daß niemand ihnen wehrte.
Turkestan

J.Wall.
   
Zuletzt geändert am 29 März, 2018