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Bericht von Dietrich Esau aus Großweide in der „Friedensstimme“ Nr. 46 vom 14. Juni 1914, S. 3-4

 

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

 

Die Kinderfeste in Großweide am 12 Mai 1914.

Kinderfeste werden unter unserm Volke in letzter Zeit immer häufiger veranstaltet. Sie werden von so vielen Leuten besucht, daß es oft (wohl fast immer) an Raum mangelt. Nun, in Großweide war es nicht so. Wohl ...(unleser. – E.K.) Hauseltern der Waisenanstalt auf viele Besucher ge...(unleser. – E.K.9, aber sie wurden enttäuscht. Nur die Gnadenfelder Mädchenschule und noch ein paar andere Kinder aus Nikolai... (unleser. – E.K.) waren zu dem Feste gekommen. Die Zahl der älteren Besucher resp. Gäste war auch nur verhältnismäßig klein. ...(unleser. – E.K.) doch freuten sich die Waisenkinder zu dem Feste. 1 Uhr Nachmittag wurden die Gäste in das Sommerhaus gerufen und platziert. Br. Joh. Töws – Alexandertal begrüßte die Gäste mit einer kurzen Ansprache und forderte die Zuhörer auf, doch mit aller Kraft an dem Werke mitzuarbeiten. Da sei keiner zu klein, das haben die Waisenkinder bewiesen, die im Laufe der Wintermonate fleißig nach den Unterrichsstunden ihre Handarbeiten fertiggestellt hatten. Nun sei die Reihe an die Gäste. Da wurde mir enge ums Herz. Wie wird`s werden, fragte ich mich. Die Zahl der Käufer ist nur klein und der ausgestellten Arbeiten so viel. Doch der Herr war dahinter und machte Leute willig, daß sie gerne kauften und es blieb nichts übrig. Es wurden alle Sachen für etwa 500 Rbl. verkauft. Wenn aber mehr, viel mehr Besucher erschienen wären, so hätte es leicht zwei mal 500 Rbl. geben können. Warum kamt ihr nicht, lieber Leser und Leserin, die ihr in der Nähe wohnt? Ihr seid damit dem Herrn etwas (vielleicht auch viel) schuldig geblieben! Denkt daran, daß der Gottesdienst wohlgefällig ist, der Witwen und Waisen in der Trübsal besucht. Holt nach, was ihr versäumt habt!
Nach den Deklamationen speisten alle Gäste gemeinschaftlich in der Anstalt. Von den Gedichten und Gesprächen, die die Waisenkinder deklamieren, war besonders schön, interessant und lehreich das Gespräch von der Handarbeitsstunde. Ich lasse es hier folgen. (Kornelius und Jakob sitzen in einem Eckchen zusammen, und als gute Freunde schütten sie, wenn sie etwas auf dem Herzen haben, einander dieses aus).

Kornelius: Weißt, Jakob, ich will dich etwas fragen. Schon lange quält mich die Frage. Sag´einmal, warum haben wir in der Anstalt als Schüler noch Handarbeitsstunden?
Jakob: Da kommst du dieses mal an eine falsche Adresse! Ich kann dir keine Antwort geben, obwohl ich mir schon oft darüber den Kopf zerbrochen habe.
Kornelius: Dann bin ich froh, Jakob, daß ich nicht der einzige bin, der darüber nachdenkt; mir geht`s in den Handarbeitsstunden garnicht gut!
Jakob: Das solltest du garnicht sagen, Kornelius! Wenn Papa das erfahren sollte, wie traurig würde er sein, daß du nicht gerne kommst.
Kornelius: Ich habe nicht gesagt, daß ich nicht gern komme, aber das Arbeiten, das Immerarbeiten ist`s was mir nicht gut geht. Tun doch andere Kinder bei ihren Eltern rein garnichts, wenn sie aus der Schule nach Hause kommen. Viele lernen ihre Aufgaben zum kommenden Tage nicht, sondern bummeln bis zum Abend herum.
Jakob: Nicht alle, manche müssen auch dann arbeiten. Als ich noch bei meinen Eltern war, habe ich oft müssen Wasser, Stroh und andere Dinge der Mutter herbeiholen.
Kornelius: Aber das ist doch nicht Handarbeit! (Peter tritt leise heran; Jakob bemerkt ihn und warnt Kornelius).
Tscht! Peter kommt!
Peter: Ihr tut ja sehr geheimnisvoll. Was habt ihr hier?
Jakob: Denkst wohl, daß wir dir`s sagen werden, damit duvon uns klagen kannst!
Peter: Wie töricht seid ihr! (zu J.) Wie kannst du mir so etwas zumuten.
Kornelius: Jakob! Peter können wir sagen, was wir haben. Er denkt vielleicht gerade so wie ich.
Jakob: Meinetwegen; er kann dir vielleicht auch den Zweck der Handarbeitsstunden erklären.
Kornelius: Ich fragte Jakob, warum wir nicht, wie viele Knaben, nach der Schulzeit herumbummeln können, sondern immer arbeiten müssen.
Peter: Da habt iht was, was auch in mir oft Fragen aufsteigen ließ. Wohl habe ich oft gehört, wenn Besucher unsere Arbeiten in der Werkstube beschauten, daß sie dann sagten: wie gut, daß die Kinder in dieser Art und Weise beschäftigt werden! Was aber so sehr gut dabei srin kann, ist mir nicht recht klar. Papa erklärte uns bei einer Gelegenheit die guten Seiten und den Nutzen der Handarbeitsstunden, doch ist mir alles entfallen. Aber da kommt Franz. Der wird uns erklären können, warum wir immer arbeiten müssen. Franz! Kannst du uns sagen, warum wir immer arbeiten müssen, und warum wir Handarbeitsstunden haben, und wozu sie gut sind?
Franz: Immer arbeiten, Knaben? Wie könnt ihr nur so was sagen! Haben wir nicht auch viel Spielstunden? Arbeit und Spiel und wieder Arbeit. Ich will euch mitteilen, wie es mir ging, als die Gäste zu unserm Feste kamen. Ich freute mich, daß die Gäste sich über die Arbeiten anerkennend aussprachen, ich freute mich, daß auch wir mit unsern Arbeiten an dem Werke der Anstalt mitgearbeitet, und wenn nicht die Handarbeiten da wären, wäre das Fest für mich nicht so schön gewesen.
Alle drei unrbrachen Franz:
Du siehst nur die Lichtseiten, Franz.
Kornelius: Wie lange müssen wir für die paar Stunden des Ausrufs arbeiten. Heute Abend ist der Festtag vorüber und morgen fangen wir an, für den nächsten Ausruf zu arbeiten.
Franz: Hast du vergessen Kornelius, was Papa uns sagte: „Wenn es eine gute Summe gibt, machen wir eine schöne Reise“, dann dauert die Freude nicht nur bis heute Abend, nein, die lieblichen Erinnerungen an eine schöne Exkursion bleiben für`s ganze Leben.
Kornelius: Ja, wenn aber nicht...
Franz: Wie bist du so kleingläubig! Denke doch an unsern vorigen Ausruf, an jenen regnerischen Tag in Rückenau. Wie zeigte Gott da, daß er doch helfen kann. Welch eine große Summe ergab der Ausruf! Sollte das heute den Herrn nicht möglich sein? Kornelius, wollen wir nur glauben.
Peter: Aber Franz, nähen wir denn nur die Decken, flechten Körbe u.a.m., damit die Leute diese kaufen sollen und Papa auf diese Weise Geld bekommt!
Franz: Das allein ist schon viel, daß wir den Eltern helfen, uns zu versorgen; aber ich weiß einen weit größern Segen, den die Handarbeit bringt!
Alle: Den möchten wir gerne auch wissen.
Franz: In einem Psalm, im 90. wohl, heißt es: „Wenn das Leben köstlich ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen.“ Wollen auch wir ein köstliches Leben haben, so gilt`s auch für uns – arbeiten. Um das aber im spätern Leben zu können, müssen wir es jetzt lernen. Dazu ist die Handarbeitsstunde da. Wir lernen die Zeit auskaufen, unsere Kräfte brauchen und bleiben vor vielem Bösen bewahrt.
Kornelius: Na, Franz, das kann ich nicht verstehen!
Jakob: Vor Bösem – Ich wüßte nicht wie!
Peter: Auch ich bitte um Erklärung!
Franz: Dann hört! Wir sind mehr denn 40 Knaben und 40 Knaben haben 40 Köpfe, und 40 Köpfe haben 40 Sinne und –
Peter (fällt ihm in`s Wort): Und das wir keine Engel sind, wissen wir selbst alle, wolltest du wohl sagen.
Franz: Das wollte ich nicht sagen; aber daß wir immer etwas tun müssen. Tun wir nicht Gutes, so tun wir Böses; werden wir zum Guten gehalten, so haben wir keine Zeit für das Böse. Denkt doch an das bekannte Sprichwort: Müßiggang ist aller Laster Anfang. Schaut nicht auf andere Knaben, wenn die bummeln dürfen.
Alle drei: Nein!
Kornelius: Ich will von nun an gerne arbeiten, da mir der Wert der Handarbeitsstunden klar geworden ist.

Zum Schluße speisten alle Gäste in der Anstalt.

Dietrich Esau.

   
Zuletzt geändert am 26 März, 2018