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Drei Meldungen aus „Odessaer Zeitung“ zu der Auswanderung der Mennoniten nach Turkestan aus dem Jahre 1880

 

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

 

Meldung von der Molotschna, aus der „Odessaer Zeitung“ Nr 105, 13 – 25 Mai, 1880, S. 2

Von der Molotschna, speciell aus den Mennonitenkolonien an derselben, diesen Perlen unter den südrussischen deutschen Ansiedlungen, gehen uns folgende großentheils mehr interessante als erfreuliche Mitteilungen zu:

Verschiedene Mennonitenfamilien haben sich entschlossen, nach Turkestan auszuwandern; was die Leute dort suchen, ist uns unerfindlich, nur davon sind wir fest überzeugt, daß sie, falls sie ihren Entschluß ausführen, denselben bald schmerzlich bereuen werden. Wir hoffen, daß die Lokalbehörden so wie die Geistlichkeit es nicht an wohlmeinenden Rathschlägen fehlen lassen wird, um die Irregeführten von ihrem unsinnigen Unternehmen abzubringen und daß diese solche Rathschläge befolgen werden.

 

 

Meldung (s. Fettschrift) von J. Kludt aus Gnadenfeld, Südrussland in „Odessaer Zeitung“ Nr 174, 5 -17 August, 1880, S. 1

Gnadenfeld, 29 Juli.
Die Ernte in unserem Gebiet ist beendigt, das Einführen und Dreschen hat bereits begonnen. Während der Ernte waren ungefähr 400 Mähmaschinen in Thätigkeit, so daß sehr wenig Tagelöhner gemiethet wurden. Der Ernteausfall ist gering. Winter-Roggen und Weizen sind im Winter, oder wie man annimmt, im März beinahe ganz ausgefroren. Hitze und Mehlthau haben namentlich dem Sommerweizen geschadet, weniger die Getreidekäfer, von den über 1200 Pud vertilgt worden sind. In der ersten Woche dieses Monats stieg die Hitze bis zu 30 und 34° R. im Schatten. In dieser Zeit sind drei Arbeiter vom Sonnenstich plötzlich gestorben. Sommerweizen wird man 1 bis 2 Tschetwert (ein Viertel – E.K.), Gerste und Hafer 6 bis 12 Tschetwert von der Dessjatine erhalten. Heute hatten wir einen schönen Regen, der für Kartoffeln und Gemüse sehr erwünscht war.
Morgen treten etliche sechzig Familien (Mennoniten) aus dem Gnadenfelder und Halbstädter Gebiet ihre beschwerliche Reise nach Turkestan an, wo sie sich für immer niederzulassen gedenken und zwar in der Hoffnung, dort noch mehr Vergünstigungen und Erleichterungen hinsichtlich der Militärpflicht zu erhalten, als die Mennoniten hier schon geniessen. Von den Mennoniten aus den Samaraschen Kolonien sollen schon mehrere Familien auf dem Wege nach Turkestan sein. Diese Übersiedlung geschieht mit Wissen und Genehmigung der Regierung. Wir können den guten Leuten nur Glück auf den Weg und zu weiterem Fortkomen wünschen. Zu den 4000 Werst, die sie auf der Achse zu fahren haben, glauben sie, vier Monate zu brauchen. J. Kludt

 

 

Bericht von einem Mennonit aus Halbstädter Bezirk, in „Odessaer Zeitung“ Nr. 169, 30 Jul – 11 Aug. 1880, S. 2

Aus dem Halbstädter Bezirk, 17 Juli.
Wir sind gegenwärtig mit dem Mähen des uns für dieses Jahr gewachsenen Getreides beschäftigt, was hier in unserer Kolonie größtentheils mit Mähmaschinen bewerkstelligt wird. Die diesjährige Ernte würde an der Molotschna außer auf Wintergtereide, welches schlecht ist, mittelmäßig genannt werden können, wenn der Getreidekäfer dem Weizen nicht so bedeutenden Schaden zugefügt hätte. Ein Probedreschen bei uns ergab von der Dessj.  Winterweizen 1 ½ Tscht., Sommerweizen rechnet man 2 Tscht. per.  Dessj., Hafer bis 15 Tscht. und Gerste bis 12 Tscht., Flachs und Hirse ist gut. Der genannte Käfer war hier nicht in so ungeheuren Massen, wie z.B. in einigen Gegenden des Jekatherinosl. Gouvern., und doch hat er bedeutenden Schaden angerichtet, aber nur am Weizen; daß übrige Getreide ist ziemlich unversehrt. Vertilgt hat unsere Gemeinde, die aus 20 Vollwirthen und 23 Kleinwirthen besteht, ca. 40 Pud dieses Insekts, wobei auch eine hier verfertigte Käferfangmaschine verwandt, oder probirt, wurde, die übrigens sich auch als anwendbar zeigte, nur des vielen Unkrauts (Distel) halber nicht überall benutztwerden kann.
Was die bereits in der „Odess. Ztg.“ erwähnte Auswanderung von ungefähr 50 hies. Mennonitenfamilien nach Turkestan betrifft, so hat der Gouverneur des taurischen Gouvernements Gebiets - Aemtern durch die Kreisbehörde von Berdjansk mittelst Vorschrift vom 5.d.Mts. die Weisung gegeben, daß die Jünglinge dieser auswanderungslustigen Familien, die das 15. Lebensjahr erreicht haben, auf Grund des Militärgesetzes nicht dorthin entlassen, sondern nur auf Pässe auf Papier von besonderer Farbe beurlaubt werden können und diejenigen, die im laufenden Jahre der Einberufung zum Dienst unterliegen, zurückbleiben und hier erst den Dienst ableisten müssen. In Folge dieser Verfügung des Gouverneurs wird die projektierte Auswanderung wohl eingestellt werden müssen,*)  indem die Gemeinden zu einer Paßertheilung, oder Beurlaubung dieser Jünglinge nach Turkestan schwerlich ihre Einwilligung geben werden, da sie Grund zu befürchten haben, daß dieselben sich seiner Zeit nicht zur Loosung stellen würden.
Obzwar diese bedauernswürdigen Familien durch die Vorbereitung zu dieser Auswanderung bedeutenden Schaden gehabt, da sie ihre Wirthschaften und Inventar mitunter für Spottpreise veräußert, nichts gesäet, also auch nichts zu ernten haben uns außerdem viel Geld in dieser Angelegenheit verreist und bei ihrer Einrichtnug zu der Auswanderung verwendet haben, (sie hatten 1 Deputirten nach Turkestan und 3 Deputirten nach St. Petersburg und Jalta geschickt und außerdem ist der Prediger Peters auf ihre Kosten mehrere male nach der Wolga zu den dortigen Mennoniten gefahren, um unter denselben Propaganda für diese Sache zu machen; wie man hört, sind von dort auch schon wirklich 10 familien abgereist) so scheint das Sprichwort: „Durch Schaden wird man klug“ sich an ihnen dennoch nicht bestätigen zu wollen, denn sie haben auf einer vorgestern gehabten Versammlung beschlossen, sich nochmals wegen der Mitnahme der Jünglinge mit einner Bittschrift an den Gouverneur zu verwenden und wenn dieselbe erfolglos bleiben sollte, als dann nach der Türkei auszuwandern!**)
Das schlimmste ist daß diese Leute nicht den Rath vernunftiger Männer befolgen, sondern einfach ihrem sie verführenden Prediger Peters, der ein Prachexemplar (od. vielleicht besser Asnahmeexemplar) von Beschränktheit und pietistischer Engherzigkeit ist, blindlings folgen, derselbe faselt ihnen vor, daß sie, wenn sie wahre Christen sein wollen, keinen Staatsdienst annehmen und folglich auch nicht hier bleiben könne und dergleichen Albernheiten mehr. Auf einem Ausruf (Auction) hieselbst sagte Peters zu einem mit ihm über die Reise nach Turkestan sprechenden Mennoniten unter Anderm: „Und was würde denn viel sein, wenn wir denn auch auf dem Wege oder dort umkommen sollten, es haben ja schon viele Gläubige vor uns um des Herrn und Seines Reiches willen ihr Leben in die Schanze geschlagen u.d.al.in(!)“***)
Vorige Woche wurden uns Molotschn. Mennoniten wieder einmal unsere Besitzbriefe vorgezeigt. Dieselben wurden jedoch auch dieses mal nicht von allen, sondern nur von 6 Kolonien im Halbstädt. Bezirk angenommen; die Kleinwirthe der andern Kolonien verweigerten die Annahme, so wie im Jahre 1873 bei der ersten Vorzeigung und beabsichtigen gegen die Form zu appelliren.
Gegenwärtig haben wir kühles regnerisches Wetter, am heißesten war es hier am 4. und 5. d. Mts., bis 37 Grad im Schatten, in Folge dessen 4 Personen an diesen beiden Tagen in unserm Bezirk an Sonnenstich starben.
Ein Mennonit

 

*) Was wir mit Freude begrüßen würden.
**) Die Leute müssen geisteskrank in`s Irrenhaus!
***) Aufwiegler, wie dieser Peters, müßten von den Behörden möglichst schnell in administrativem Wege unschädlich gemacht werden, damit er zu dem erstrebten Märtyrerthum gelange. Denn sonst führt er die dumme Leute nur in das „gelobte“ Land und wenn es ihm dort nicht gefällt, so versucht er, in die Heimath zurückzukehren, wie es der Verführer Klaas Kröker von Sagratowka macht, der jetzt, nachdem er wie viele Familien zur Auswanderung verleitet, wieder nach Rußland zurückkehren will.
D.R. (die Redaktion – E.K.)

   
Zuletzt geändert am 4 März, 2018