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Das Grossweider Waisenhaus während der Kriegszeit. Aus dem „Christlicher Familienkalender“ 1918, S. 66-77

 

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitschrift "Christlicher Familienkalender" 1918. Teil 2: S. 38-77.

 

Mit froher Hoffnung und guter Zuversicht ruderten wir auf unserem Lebenskahn aus dem 1913 ins 1914 Jahr hinein, denn Gott war mit uns. Vielfach hatte uns seine Allmacht und Durchhilfe in vielen Schwierigkeiten erfahren lassen, und auch herrliche Zeiten der Erquickung wurden uns im Sonnenschein seiner Liebe zuteil. Dies gab uns Mut, immer mehr und bestimmter Ihm alle unsre Wünsche und Bedürfnisse zu Füßen zu legen.
Es fehlte mehr Raum zur Erleichterung unserer ganzen Arbeit. Wir wandten uns zu Gott mit dieser Sache und fanden Erhörung am 25. Januar durch die Möglichkeit, ein neuerbautes Haus zu 3300 Rbl. zu kaufen. Dieses Haus wurde zu einer Lehrerwohnung eingerichtet, in die unser Anstaltslehrer Dietrich Esau mit seiner Familie anfangs Mai einzog. Auf dem andern Ende bauten wir noch einen sechs Faden langen Andachtssaal an. Die über hundert Fuder (Fuhre, Fahrt – E.K.) Erde, die das hohe Fundament erforderlich machte, wurden von unseren Knaben mit großer Lust und Freude gefahren.
Schon längere Zeit fühlten wir die Notwendigkeit einer Abteilung, wo wir unsern heranwachsenden Jungen eine vielseitige Beschäftigung bieten können, um ihnen Zeit und Gelegenheit zu geben, sich für einen ihren Gaben entsprechenden Lebensberuf zu entscheiden. Da kamen wir zu dem Entschluß, eine Landwirtschaft zu kaufen und dort auch Werkstuben einzurichten.
Nicht lange darnach wurde uns eine Wirtschaft mit 48 Desj. Land auf Kuruschan, zwischen Rosenort und Tiegerweide, 40 Werst von Großweide, zum Kauf angeboten. Viel Kämpfe und viel Kniearbeit gabs, bis wir uns einig wurden, trotz ziemlich leerer Kasse, im Vertrauen auf den, dem alle Dinge möglich sind, dieses kleine Gut zu kaufen. 21500 Rbl. war der Preis. Der kauf wurde am 2. Juni geschlossen und 500 Rbl. aus unsrer Kasse Handgeld gezahlt.
Noch war kein Monat der Freude und frohen Hoffnung verflossen, als das Schreckenswort „Krieg“ durch alle Lande ging. Verschiedene Gefühle gingen durch unsere Herzen, fragend blicken wir in die Zukunft. Doch wir wußten, daß der Allweise im Regimente sitzt, und daß er es gewesen, der es uns geheißen, zu tun, was wir getan. So legten wir alles zu Seinen Füßen, auch legten wir jede Sorge fürs „Weitere“ auf Ihn. Und wir bekennen zu Gottes Ehre, daß wir im Vertrauen zu ihm nicht zu schanden geworden sind, sondern daß unsrer Anstalt heute schuldenfrei vor seinem Angesichte steht. Ja, herrlich hat Jehova sich an uns und unsrer Arbeit bewiesen! Ihm sei Dank und Ehre dafür von allen, die es lesen und hören werden!
Im August zogen unsre Kinder Abraham und Tinchen nach Kuruschan. Es sollte Brache gepflügt und Winterweizen gesät werden, dazu schenkte der liebe Gott uns durch einen lieben Bruder fünf Pferde.
Doch nicht nur Freuden hat der liebe himmlische Vater für seine Kinder. Wir mußten wieder in Prüfungen hinein. Unser lieber Lehrer Esau wurde mobilisiert. Wen würde Gott als Ersatz geben? Abraham, unser Sohn, welcher zwei Jahre als Lehrer in unserer Schule gearbeitet hatte, war nicht sehr gesund und deshalb von uns nach Kuruschan versetzt worden. Wohl war er fähig, seiner Gesundheit wegen die Schule zu übernehmen, aber wer sollte seine Lücke auf Kuruschan füllen? Der treue Gott wußte Rat. Br. Gerhard Friesen, Großweide, meldete sich als Wirtschafter und Schw. Lenchen Janzen wurde willig, die hausmütterlichen Pflichten und die weitere Erziehung der Knaben zu übernehmen und mit nach Kuruschan zu ziehen. So löste der Herr unsre bangen Fragen. Abraham übernahm wieder seinen Posten in der Schule und Tinchen den in der Küche als Stütze der Hausmutter. Nicht nur einen Wirtschafter gab Gott uns in Bruder Gerhard, sondern auch einen Meister in Holzarbeiten für die Jungen. So haben sie den Winter hindurch an der Hobelbank gearbeitet und manch ein Haus- und Wirtschaftsgerät gemacht.
In diese Zeit fällt auch die Beendigung des Baues bei der Lehrerwohnung. Die Zuhörerbänke wurden in den fertigen Andachtssaal gesetzt und derselbe zugeschlossen, bis er gesetzlich bestätigt sein würde.
In den Oktober des Jahres 1914 treffen zwei für uns wichtige Ereignisse: 1) mußte unser Sohn Abraham sich zum Staatsdienst stellen und wurde auf ein Jahr aufgeschoben und 2) ließ Gott es zu, daß ich meine liebe Frau auf dem Wege von Tschernigowka nach Hause von zwei Banditen überfallen wurden, die Geld verlangten und die mir beim Herausziehen des Geldbeutels denselben aus der Hand rissen und das Gesicht zerschlugen.
Doch nach Regen folgt Sonnenschein. Dies erfuhren auch wir und Gott zeigt uns immer wieder, daß die Sonne seiner Liebe unaufhaltsam über uns scheint, selbst dann, wenn dunkle Wolken sie uns zu verdecken scheinen. So zeigte Er uns anfangs November seine Fürsorge. Am 29. Oktober erhielten wir die Aufforderung, uns von Fürstenau ein fettes Schwein zu holen. Darauf wurden wir alle, Eltern, Schwestern und Kinder, uns einig, den lieben Heiland zu bitten, uns gleich noch mehr Schweine zu schicken. Gott erhörte. Am 1. November kamen zu unserer großen Freude zwei fette Schweine. Am 3. November morgens wurde unser Fuhrwerk nach Fürstenau geschickt, auf Mittag wurde von Fürstenwerder noch ein Schwein gebracht. Im Anblick dessen, wie der himmlische Waisenvater für uns sorgte, wünschte die Hausmutter sich noch mehr, und zwar, daß der liebe Gott gleich eine Kuh schicken möchte, und wir trauten es dem Allmächtigen zu, daß Er auch die noch bis zum 6 November, dem Schlachttage, schicken könnte. Und Gott gewährte uns auch diesen Wunsch. Am 5. kam ein Leiterwagen aus Steinbach und darauf stehend die von Gott erbetene Kuh. Das war ein großer Jubel und wir durften vier Schweine und eine Kuh zugleich schlachten.
Der Gesundheitszustand unserer Waisenschar war ein durchweg guter. Nur unsere liebe Schwester Lena Voth lag längere Zeit im Muntauer und später im Orloffer Krankenhause, wo ihr ein Bein abgenommen wurde. Auch unser lieber Jakob Regehr, ein Waisenknabe, lag wegen Knochen – Tuberkulose am Bein längere Zeit im Muntauer Ktankenhause.
Als wir an der Schwelle des neuen Jahres 1915 standen undzurückblickten auf das verflossene Jahr, mußten wir bekennen: der Herr har alles wohl gemacht. Obzwar es manche Täuschung und manches Schwere gab, durften wir doch viel Gutes vom Herrn erfahren und geniessen. Ihn, den Herrn, wollen wir preisen für jede Durchhilfe in alle Ewigkeit.
Das Jahr 1915 birgt für uns eine Kette von Wundern, die Gott vor unsern Augen offenbarte. Ganz besonders sahen wir seine Durchhilfe in Bezug auf Kuruschan. Ende März wurde Br. G.Friesen eingezogen. Da gab der Herr uns wieder manches Schwere, doch waren wir dankbar, daß wir Br. Gerhard den ganzen Winter und die Saatzeit hindurch gehabt hatten. Als Abraham die Schule geschlossen hatte, zog er wieder nach Kuruschan. So wie aber jeder Anfang schwer ist, so war es auch dort. Es fehlte sofiel umzuändern, einzurichten und anzuschaffen. Die Kasse aber war ganz leer, da galt es, um Geld zu beten und Gott zu vertrauen. Doch Gott ist treu, Er steht zu seinem Wort und zu den Seinen. Er gab uns, bis wir, ich und meine liebe Frau, zur Einrichtung hinfuhren 300 Rbl. Zuerst wurde der Stall des einen Wohnhauses zur Werkstube eingerichtet, die vorläufig als Schalfzimmer der Jungen, die zum Sommer nach Kuruschan kommen, dient. Dann wurde ein Bassin (Wasserbecken – E.K.) gegraben und auszementiert, die Scheune neu gedeckt, wozu die Dachpfannen von einem lieben Bruder geschenkt wurden. Als wir mit diesem allen fertig waren, wies es die Rechnung aus, daß die 300 Rbl. gerade ausgereicht hatten.
Nun fehlten aber alle Maschienen zum Einernten des schon reifenden Getreides. Gestützt auf die Verheißung Ps. 37, 4-5, „Habe deine Lust an dem Herrn...“ fingen wir an, dem Heiland unsere Wünsche ans Herz zu legen. Sie waren: Eine gute Bindemaschine, einen Dreschkasten und einen Motor zu haben. Im Blick auf uns waren die Wünsche groß, bei fast leerer Kasse, doch nicht zu groß für unsern großen  Gott!
Und aufgefordert durch den Psalmisten, seine Wunder zu erzählen, rufen wir allen Lesern zu: „Gott ist groß und gut, Er gab uns alles, was wir wünschten, Ihm sei Ehre.“ Mit dankerfüllten Herzen wollen wir erzählen, wie er es getan.
Im Blick auf unsere sich goldig färbenden Felder wurden unsere Bitten dringender. Da hörten wir, daß in Lichfelde mein Onkel, D. Harder, seinen noch fast neuen Binder zu verkaufen wünschte. Wir brachten die Sache vor Gott und baten ihn, wenn es sein Wille sei, daß wir diese Maschine kaufen sollten, uns doch Geld zu schicken. Mit 25 Rbl. fuhr ich hin, sie zu besehen. Auf dem Wege dahin stiegen Herzensseufzer zu Gott empor, den Kauf nach seinem Willen ausfallen zu lassen oder zu verhindern. Aber es war kein Hindernis da und der Handel wurde geschlossen. Die 25 Rbl. waren Handgeld und das Uebrige blieb zu 7% auf vier Monate stehen. Großer Jubel war unter den Jungen über diesen Kauf. Und unsere Bitte zu Gott war doch, uns die übrigen 300 Rbl. so bald als möglich zu schicken und ebenso auch Geld zu Spagat (aus dem russischen Schnur E.K.). Und Gott verherrlichte sich und schickte schon am andern Tage die erbetenen 300 Rbl. Wir konnten am 1. Juni die Maschine holen und bar auszahlen. Das gab uns Mut, noch Größeres von Gott zu erwarten, denn der uns die Bindemaschine in drei Tagen schuldenfrei schenken konnte, der reiche Vater, dem Gold und Silber gehören, der könnte uns auch eine neue Dreschmaschine geben. Unser Glaube war gestärkt und wuchs. Doch konnte ich nicht anders als zu den Kindern sagen: Wir wollen nicht vergessen, hinter unsre Bitten stets: „Dein Wille geschehe“, zu setzen. Denn wenn es für uns besser sei, mit einem alten Dreschkasten oder gar mit Steinen zu dreschen, so wollten wir es zufrieden aus Gottes Hand nehmen. Aber bitten durften wir und uns im Glauben auf seine Verheißung Ps. 37, 4, stellen. Inzwischen fuhr ich nach Großweide, um zu sehen, wie es den Schwestern und den Kindern gehe. Da sagte man mir, es sei ein Zettel gewesen, daß jeder seine Wage nach Gnadenfeld zum Stempeln bringen sollte. Da niemand zum Schicken war, fuhr ich selbst, mußte aber geschäftehalber erst nach Rudnerweide zu H. Hamm fahren. Als dieser erfuhr, daß ich auf dem Wege nach Gandenfeld sei, ersuchte er mich, für ihn etwas Geld im Gebietsamte abzugeben. Beim abgeben des Geldes fragte mich der Gebietsschreiber, ob ich wisse, daß fürs Waisenheim 300 Rbl. da seien. Er händigte mir die Summe auch gleich ein. Wie mein Herz jauchzte, kann ich nicht beschreiben. Wußte ich doch gleich, daß es Geld zur Dreschmaschine sei. Jetzt wußte ich, warum ich über Rudnerweide fahren mußte, und das Geld mir mitgegeben wurde, sonst wäre ich nicht im Gebietsamte angefahren, und wir hätten das so lange erbetene Geld dann nicht erhalten. In froher Hoffnung, daß Gott uns einen neuen Dreschkasten geben werde, fuhr ich weiter nach Kuruschan und von dort aus mit meinem Sohne Abraham nach Melitopol. Aber unverrichteter Sache kehrten wir heim, denn die 6 kräftigen Maschinen kosteten bei Barzahlung 600 Rbl. Dies war aufs neue eine Probe.
Unsere Bitten, daß Gott uns seinen Willen zeigen und die richtigen Weg führen möchte, wurden dringender. Den Spagat, welcher bestellt und worauf 60 Rbl. Handgeld gegeben war, konnten wir bezahlen, da der Herr uns durch eine liebe Schwester 200 Rbl. schickte. Am 23. Juni bekam ich besondere Freudigkeit, nach Waldheim zu fahren und dort in der Fabrik eine Dreschmaschine zu kaufen. Des Morgens beteten wir noch über diese Sache, und nach Frühstück  nahm ich die 355 Rbl., die in der Kasse waren, und beim Einstecken des Geldes sagte ich zu meiner lieben Frau: „“ Für diese 355 Rbl. will ich einen Dreschkasten kaufen.“ In der Fabrik angekommen, besahen wir die Maschinen und ich suchte mir eine aus, die meinen Wünschen entsprach. Als wir ins Kontor gingen, seufzte ich zum Herrn, mir doch den Dreschkasten zu schenken. Als der Schreiber die Preisliste durchsucht hatte, sagte er zum Direktor gewandt: „Der Preis gegen Barzahlung ist 445 Rbl.“ Darauf sagte Herr Neufeld zu mir: „Wir werden Ihnen 200 R. bis zum Herbst stehen lassen und 255 zahlen Sie gleich, können Sie das?“ Als ich es bejahte, wurde darauf die Rechnung geschrieben, wozu der Schreiber meinen Namen und Wohnort zu wissen begehrte, denn ich war ihnen von Angesicht unbekannt. Als ich das Gewünschte sagte, blickte Herr Neufeld mich prüfend an und fragte, ob ich der Waisenvater von Großweide sei. Dann stellte er verschiedene Fragen in Bezug der Waisenarbeit und sagte nach längeren Schweigen, daß er schon lange die Aufgabe gehabt, etwas für die Waisen zu tun und vielleicht ginge es hier in dieser Rechnung zu machen. „Hören Sie“, sagte er, „geben Sie mir 355 Rbl., dann sind sie nichts schuldig auf den Dreschkasten, können Sie das?“ Ja, gerade soviel hatte ich in der Tasche. Als ich bei der Kasse bezahlte, wurden mir noch fünf Rbl. zurückgegeben; so kostete die Dreschmaschine 350 Rbl. Gottes Rechnungen stimmen immer!
Einen Motor hatte ich mir auch angesehen, der Preis war 1450 Rbl., das ist großes Geld. Die Hälfte davon sollte gleich, die andere im Herbst eingezahlt werden.
Mit frohem Herzen trat ich die Heimreise an. Er, der bisher geholfen, Er werde auch weiter helfen, dies war meine Zuversicht. Und wie groß war die Freude der Kinder über die Erhörung unserer Gebete und die großartige Erfüllung unserer Wünsche. Dringender denn zuvor ermahnte ich die Kinder, den Herrn zu bitten. Uns weiter zu zeigen, was wir zu tun hätten, denn die Ernte war da. Ein altes Roßwerk, an dem viel zu reparieren war, wurde uns angeboten, doch uns fehlten dazu die Zeit und Kräfte. „Was will der liebe Gott, das wir tun sollen“, das war für uns die wichtigste Frage. Daß er uns den Motor geben könne, daran zweifelten wir gar nicht, aber ob es für uns gut sei in dieser teuren Zeit, während so viele entbehren müssen, ob Er es wolle, das war die Frage unseres Herzens.
Es war Sonntag, am 28. Juni, als mein Herz etwas gedrückt war. Die Knaben hatten schon etliche Tage Weizen gemäht und noch war weder Geld zum Motor da, noch eine andere Tür geöffnet. Wie würde Gott antworten auf unsre Bitten? In gedrückter Stimmung, doch die Sache Gott empfehlend, legte ich mich nach dem Mittagsessen hin, um zu ruhen. Als ich eingeschlafen war, zeigte der Herr mir im Träume seinen Weg. Mir träumte, ich führe nach Waldheim, einen Motor zu kaufen, brachte mein Anliegen Herrn Neufeld vor und nannte ihm auch die kleine Summe, die ich als Handgeld zahlen könne. „Ja“, sagte Herr Neufeld, nachdem ich ihm die Summe des Handgeldes genant hatte, „das ist etwas wenig, aber einen Motor können Sie doch haben, geben Sie mir das Handgeld, und das Uebrige zahlen Sie, wenn sie können. Können Sie zahlen – so zahlen Sie, wenn nicht – so zahlen Sie nicht. “ Als ich beim Vespertisch den Traum erzählte, sagten mehrere Jungen: „Papa, jetzt fahren Sie doch hin, vielleicht wird es auch so.“ Montag, den 29. Juni fuhr ich Geschäfte halber nach Halbstadt. Als ich bei „Raduga“ vorbeifuhr, wurde ich angerufen und gebeten, auf dem Rückwege anzukommen. Als ich dieser Aufforderung nachkam, überreichte mir ein Bruder aus Millerowo 200 Rbl. und Br. Kl. auch noch 75 Rbl., welche von Freunden der Anstalt eingekommen waren. Im freudigen Bewußtsein, daß dies das Handgeld zum Motor sei, fuhr ich den 30. Juni mit 250 Rbl. nach Waldheim. Da es aber nicht einmal die Hälfte der Summe war, die mir damals bei der Besichtigung des Motors gleich zu zahlen genannt worden war, so fuhr ich noch in Gnadenfeld im Postamte an, ob da nicht noch Geld fürs Waisenhaus sei. Aber nein! Gott wußte, daß ich genug bei mir hatte.
In Waldheim nun erlebte ich buchstäblich meinen Traum. Es setzte mich in Staunen, daß der Herr Neufeld genau die Worte brauchte, die er im Träume zu mir sagte. Als ich meine Rechnung, daß ich 250 Rbl. gezahlt und das Uebrige in unbestimmter Zeit zu zahlen hätte, in Händen hatte, fuhr ich glücklich nach Hause, im Gedanken, die Erfüllung meines Traumes den Jungen  erzählen zu dürfen. Jubelnd riefen mehrere: „So ist Papas Traum doch wahr gewesen!“
Nach etlichen Tagen beendigten wir das Mähen und Sonnabend fuhr Abraham mit einigen Jungen nach Waldheim, den Motor und die Dreschmaschine zu holen. Gott gab Segen zu der Sache und half nach allen Seiten, so daß wir schon Dienstag anfingen zu dreschen. Wir baten nun den Herrn, sich doch zu beweisen als denjenigen, der die belohnt, die mit ihm und seiner Allmacht rechnen, und uns doch bald das Geld für den Motor zu schicken. Sonnabend fühlte ich einen großen Zug nach Hause (das heißt Großweide). Man versuchte mich aufzuhalten, doch ich mußte fahren. Kaum war ich etliche Stunden zu Hause, als ein Mann zu uns kam, mit der Meldung, daß fürs Waisenhaus in Alexandertal ein Erbteil von 1000 Rbl. von Herrn Sudermann sei. Als ich Montag hinfuhr, überreichte man mir ein Heft mit der Notiz, daß der Verstorbene bereits ein Jahr zuvor dem Herrn für Waisen 1000 Rbl. versprochen hatte, welche nach seinem Tode ausgezahlt werden sollten.Sie befanden sich im Kartoffelkeller in einem alten Galosch (ein Gummischuh, eine Art Gartenclogs – E.K.). So hatte Gott schon ein Jahr vorher das Motorgeld für uns fertig gehabt. Dienstag fuhr ich, auf dem Wege nach Kuruschan, über Waldheim, um die 1000 Rbl. einzuzahlen, was nicht wenig Staunen hervorrief und ich durfte dort im Kontor Gottes wunderbare Hilfe rühmen.
Unsere erste Ernte war segenreich. Als die Ernte beendigt war, trat die Kohlenfrage an uns heran, denn die Kohlen brauchten wir für den Winter. Am 14. August fuhr ich nach Gnadenfeld ins Postamt. Dort hob ich etwas über 500 Rbl. Zugleich erhielt ich einen Brief vom Spender der 500 Rbl. Er schrieb, er habe schon längere Zeit das Bewußtsein in sich getragen, dem Waisenhause Geld schicken zu müssen, nur sei bis jetzt nach seiner Meinung der Weizenpreis zu niedrig gewesen. Doch er hätte der Mahnung nicht länger widerstehen können, er hätte Weizen verkauft und uns das Geld geschickt. Er wünschte nun zu erfahren, ob sein Gefühl, daß wir in Geldnot seien, berechtigt gewesen sei oder nicht. So mußte unser himmlischer Vater und das Geld zu schicken, als wir es brauchten. Am andern Tage fuhr ich nach Tschernigowka und kaufte einen Waggon Kohlen zu 500 Rbl. Wieder zeigte Gott, daß er genau wisse, wieviel wir brauchten. Auch nachher hat Gott uns treu mit Kohlen und Holz versorgt.
Wir traten hinüber ins Jahr 1916. Obzwar die Zeiten immer ernster, die Lasten immer drückender wurden, hat Gott uns doch treu hindurch geführt durch Freud und Leid. Eine große Freude durften wir am 22. Januar erleben. Es war der Tag unseres 25-jähr. Ehejubiläums, unserer Silberhochzeit. Obzwar wir keine Einladungen ausgeschickt hatten, waren doch viele Freunde zur Feier erschienen und freuten sich mit uns an der großen Kinderschar, die durch ihre Gespräche und Gedichte das Fest verschönten.
Lena Voth, die ihrer Krankheit wegen schon längere Zeit bei ihren Verwandten gelebt hatte, sehnte sich zurück dahin, wo sie dem Herrn fünf Jahre in Treue gedient, und hatte nur einen Wunsch: noch die letzte Zeit ihres Lebens in der Nähe ihres Arbeitsplatzes zu sein und auch hier zu sterben. Um diesen Wunsch zu erfüllen, pachteten wir in der Nähe der Lehrerwohnung ein leerstehendes Haus, richteten es zu einer Krankenabteilung her und durften am 29. April unser liebes „Bethel“ einweihen. Dahin zogen nun mit freudigem Herzen Schwester Lena Voth und unsre kleine krüpplige Agnes, die auch kränkelte, mit einer alten kranken Frau Harder, die bis jetzt im Dorfshäuschen wohnte. Doch schon am 16. Mai starb Agnes unerwartet, doch in seliger Hoffnung, denn sie hatte dem Heiland ihr Herz schon lange vorher geschenkt. Bisher war schon Schwester Lenas Sehnsucht nach Erlösung von Schmerz und Pein groß, nun nach Agnes Tode wurde sie noch größer. Und sie durfte ihrer lieben Leidensgefährtin nach 25 Tagen folgen. Während des 10-jährigen Bestehens des Waisenhauses war Agnes, die wir am 19. Mai zur letzten Ruhe geleiteten, die erste Leiche von den Waisenkindern. Schwester Lena wurde am 14 Juni begraben, als Erstling unserer Schwesternschar. Frau Harder aber genas und zog zu ihren Verwandten. Unser Bethel hatte seinen Dienst getan und ging ein, denn die Pflegeschwester zog zurück ins Heim.
Verschiedene Prüfungen traten uns in den folgenden Monaten entgegen, es gab viel Entbehrungen, aber andrerseits auch wieder Glück und Freude. Besonders eingedenkt ist uns der 8. September. On der Kasse war Ebbe und bange schauten wir in die Zukunft. Vieles war nicht da was wir nach unserer Meinung nötig brauchten, und dann ging noch das unentbehrliche Schmalz zur Neige. Unsere liebe Hausmutter wollte in Tschernigowka noch Sonnenblumenöl kaufen und dieses mit dem bischen Schmalz zusammenschmelzen – und dann wußte sie nicht mehr weiter. Ich hatte noch einige notwendige Einkäufe zu machen. Als die bezahlt waren, war kein Geld zu Oel mehr da. Dunkle Sorgenwolken stiegen vor den Blicken meiner lieben Frauauf, lag doch die Verantwortung des Tischdeckens, menschlich gesprochen, auf ihren Schultern. Aber ein anderer wars, der unsere Blicke auch in dieser Stunde  auf sich zog. Er, der den Elias speiste mit Fleisch und Brot, der hatte auch uns bisher nicht hungern lassen. Und schon am andern Tage fand der Herr Handlanger, die uns eine Merka (aus dem russ. Mass – E.K.) Schmalz brachten. Und als auch dieses verbraucht war, sorgte der Herr treu weiter.
Die Schulzeit nahte heran und noch war keine Aissicht für uns, daß wir einen Lehrer bekommen würden. Alle, die der Herr uns zeitweilig gegeben, waren eingezogen.
Das vorige Jahr war durch mehrfachen Lehrerwechsel schon sehr schwer gewesen und nun schien es, wir würden ganz ohne Lehrer bleiben, das ging unmöglich. Unsere Bitten waren dringend, da lenkte der Herr unsere Gedanken auf Bruder Js. Ediger, Berdjansk.Sollte es möglich sein, daß Gott uns diese Kraft geben würde? Ja, der Herr bewog ihn, wie einst Apostel Paulus durch den Ruf aus Mazedonien: „Komm herüber und hilf uns!“ dem Rufe zu folgen. Und der Herr segnete uns in gemeinsamer Arbeit reichlich.
Gar vieles könnten wir noch erzählen, wie er geprüft, gesegnet und geholfen, doch sei es genug für diesmal, nur ein Ereignis will ich noch erwähnen. Es ist der Tod unseres lieben Jakob Regehr, von dem ich oben schon sprach. Sein Bein war zugeheilt und er besuchte den Winter hindurch als froher Junge und erster Schüler die Schule. Er wurde zum Examen vorbereitet und sollte im Herbst in die Handelsschule eintreten, wurde aber kurz vor den Examina krank an Influenza und nach drei Wochen starb er an den Folgen dieser, in unserem Hause gar heftig ausgetretenen Krankheit. Es war ein tiefer Schmerz und gar unerwartet trat er ein. Er wollte leben, lernen, groß und nützlich werden, aber der Herr holte ihn heim und wir begruben ihn am Charfreitag den 31 März.
Im Rückblick auf die Erfahrungen in der verflossenen Krigszeit müssen wir ausrufen: „Es ist dem Herrn gleich, durch viel oder wenig zu helfen! Er ist und bleibt treu! Ihm sei Ehre in Ewigkeit von allen seinen Kindern!“
Abraham Harder

   
Zuletzt geändert am 27 Februar, 2018