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Brief von Johann Janzen aus Nikolaipol, Asien in der "Mennonitische Rundschau" vom 28. April 1909

 

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitung "Mennonitische Rundschau" vom 28. April 1909, Seiten 16-17. (gotisch) von Elena Klassen.

 

Nikolaipol, den 6. Februar 1909. Werter Editor! Durch meinen Bruder Heinrich, der ein Leser der „Rundschau“ ist, aufmerksam gemacht, las ich in der „Rundschau“ No.2 auf der editoriellen Seite Ihr Anerbieten, das Sie den Lehrern in Rußland stellen, nämlich ihnen die „Rundschau“ frei zuzustellen unter der Bedingung, daß von den Betreffenden Berichte eingesandt werden. Weil ich nun auch das Glück habe die „Rundschau“ aus Amerika frei zugesandt zu bekommen und verpflichte ich mich hiermit auch der gestellten Bedingung nachzukommen.
Zuerst wäre es aber vielleicht am Platz, mich zu erkennen zu geben. Ich bin ein Sohn des vielleicht vielen bekannten Jakob Janzen hierselbst. Er ist auch Lehrer gewesen . Einige Zeit auch noch hier am Orte. In Rußland war er Lehrer in Gnadenthal, Prangenau, Fabrikerwiese und am Kuban. Auf Revision in Lichfelde; anno 1880 ausgewandert nach Turkestan, von wo er noch mehrere Reisen nach der alten Heimat unternommen hat. Auf der letzten, die er in Begleitung der lieben Mutter machte, haben die lieben Eltern eine sehr schwere Heimsuchung erfahren. Sie fuhren den 11. August vorigen Jahres nach der Krim, um dort eine vor einigen Monaten verwitwete Schwiegertochter zu besuchen. Mein Bruder Kornelius, der dort geheiratet hatte, wohnte dort seit 1901. Im vergangenen Sommer erhielten wir unerwartet die Nachricht von seinem Tode. Diese war ein harter Schlag für die Eltern, die all ihre übrigen Kinder hier haben und immer hofften, auch Kornelius werde noch wieder herkommen. Diese Hoffnung war nun dahin. Sie fuhren nun, wenigstens seine Frau, Kinder und sein Grab zu besuchen. Im November erkrankte hier, während die Eltern noch dort weilten, unser jüngster Bruder, ein Jüngling von 18 Jahren, an den Pocken. Anfangs schien die Krankheit nicht sehr schlim zu sein, aber bald mußten wir es uns gestehen, daß es fiel uns sehr schwer, die Eltern davon zu benachrichtigen, mußten es aber thun. Sie weilten dann im Samarischen Gouv. und
Traten auch sofort nach Erhaltung der Depesche ihre Heimreise an. Der liebe Herr rief aber den lieben Bruder ab ehe sie bis hier kamen. Als sie zu Hause ankamen, war die Leiche bereits beerdigt. Welch ein Schmerz für die lieben Eltern, von einem Grab zum andern zu kommen. Zudem war Hermann der einzige, der noch bei den Eltern war, also die Stütze des Alters, was wohl den Schmerz noch vergrößerte. Ein großer Trost für uns alle ist es, daß wir wissen, der liebe Bruder ist selig beim Herrn. Während  den ganzen Zeit seiner Karnkheit legte er eine bewundernswerte Ruhe an den Tag und immer, wenn er gefragt wurde, ob er im Herrn froh sei, erfolgte ein freundliches Ja. Als ich ihn einmal fragte, ob der Heiland bei ihm sei, erwiderte er: Wenn der nicht bei mir wäre, könnte ich nicht so ruhig sein. Er bekehrte sich im vergangenen Sommer und wurde am letzten Sonntag vor der Abreise der Eltern getauft.
Die Pocken herrschen hier auch noch, aber sie fordern nicht mehr so viele Opfer. Ueberhaupt scheinen sie im Abnehmen zu sein, was unser sehnlichster Wunsch ist. Gestorben sind während dieser Epidemie zehn Personen, sieben Erwachsene. Bei Franz Pauls, der wohl vielen Amerikanern, besonders denen aus Turkestan, gut bekannt ist, sind drei Kinder im Alter von 15 bis 18 Jahren gestorben. In unserem und dem Nachbardorfe, Gnadenthal, ist seit Weihnachten noch kein Unterricht in den Schulen gewesen. Durch diese schreckliche Krankheit, die fast in ganz Rußland herrscht, sowie durch das furchbare Erdbeben in Italien werden wir an die Worte Jesu, Matth. 24 erinnert. Der Herr schenke uns allen die Gnade, wachend erfunden zu werden wenn er nun bald erscheinen wird.
Mit brüderlichem Gruß an alle Rundschauleser,

Joh. Janzen

   
Zuletzt geändert am 21 Januar, 2017