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Brief von E. v. Riesen aus Ak-Metschetj, Asien aus dem „Gemeindeblatt“ in der "Mennonitische Rundschau" Nr. 17 vom 23. April 1890

 

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitung "Mennonitische Rundschau" Nr. 17 vom 23. April 1890, Seiten 1-3. (gotisch) von Elena Klassen.

 

Asien.
(aus dem Gemeindeblatt.)
Ak-Metsched (Chiwa), 23. Januar 1890. Für den vergangenen Jahr habe ich manches Interessante mitzutheilen; das Wichtigste darunter ist, daß sich der Herr auch während dieser Zeit an uns nicht hat unbezeugt gelassen und auf Seine etwaige Frage an uns: „Habt ihr auch je Mangel gehabt?“ müßten wir wohl alle freudiger als früher schon manches Mal sagen: „Nein, Herr, nie keinen!“ und doch ist unsere Stellung nach der wirthschafltlichen Seite hin eine veränderte, schwerere geworden. Nicht nur ist uns seit dem Frühjahr das von uns bis dahin bebaute Land abgenommen, sondern es sind uns dazu auch noch die Abgaben erhöht worden. Man verlangte nämlich voriges Frühjahr, daß wir wie die anderen Einwohner des Landes, die sich nicht am Graben der großen allgemeinen Wasserleitungscanäle betheiligen, die betreffende Zahlung dafür entrichten sollten, was 4 Rbl. 20 Kop.auf die Familie betragen sollte. Da wir auf solche Gleichstellung mit den Landeskindern nicht glaubten eingehen zu dürfen, entzog man uns das Land außerhalb der Gartenmauer, die unsere kleine Niederlassung umschließt und verlangte für den Wohnplatz per Familie 3 Rbl. Pachtzins unter Belassung der früheren Landessteuer von 4 Rbl. von der Familie. Das Land wurde uns dann wieder zur Verfügung gestellt unter der Bedienung, zwei Fünftel des Betrages dafür abzugeben. Ein Theil der Gemeinde ging darauf ein und nahm das nächstgelegene Land wieder in Bearbeitung. Die Ernte, besonders der Kartoffeln, war größtentheils nur schwach. Diese für uns äußere Lage trieb endlich vier Familien unter uns, die längst mit der Gemeinde zerfallen waren und vieler vermeintlicher Irrthümer wegen von Predigt, Abendmahl und Schule sich ferne gehalten hatten, zu dem Entschluß, zu unseren Glaubensgenossen in Aulie-Ata bei Taschkent zu gehen. Ermöglicht wurde ihnen das durch Unterfrüßung  von den dortigen Geschwistern, unter denen ein Theil schon recht gut gestellt ist. Ein von dort aus in Taschkent von der englischen Bibelgesellschaft angestellter Colporteur war vorigen Sommer bei uns zum Besuch. Die Verbreitung der heiligen Schrift unter den Mohammedanern ist eine schwere Arbeit, wenn man das Werk gewissenhaft treibt.
Noch einen anderen Besuch hatten wir im vergangenen Jahre, der von bedeutenden Folgen für unser Gemeindlein hätte werden können. Es war nämlich der Reisende Henry Moser aus der Schweiz herübergekomenn, um in unserem chiwa`schen Chanate ein größeres Ländergebiet für den Baumwollenbau zu erwerben. Außerdem hatte dieses sein Unternehmen zugleich den Zweck, übrigen Arbeitskräften aus dem Westen Europas hier ein weites Arbeitsfeld zu geben. Unserm Gemeindlein gedachte er für den Fall des Gelinges seines Planes unseren Glaubensansichten gemäß eine sichere, vortheilhaftere Existenz bieten zu können. Doch, „der Mensch denkt und Gott lenkt“. Der Fürst (Chan), von anderer Seite beeinflußt, ging auf seine Bedienungen nicht ein. Ein umfangreiches Werk dieses evangelischen Mannes in französischer Sprache (auch in`s Deutsche übersetzt) giebt Liebhabern in Wort und Bild genauen interessanten Einblick in Zustände und Verhältnisse der Völker und Gegenden Centralasiens, das er nun dreimal bereist hat. Theilnehmer seines Unternehmens war der russische General Annenkow, der Erbauer der berühmten Eisenbahn durch`s Transkaspigebiet und Buchara. Dieses großartige Werk ruft in diesen so lange verschlossenen Ländern wichtige Veränderungen hervor. Auch das Postwesen hebt sich. Wir sind dem allgemeinen Postverkehr seit Neujahr auch nun nahezu ein Paar Hundert Werst näher gerückt. Wir bekommen unsere europäische Correspondenz jetzt mit der Transkaspibahn über Tschardschuj am Amu – Darja und der Telegraphendrath reicht seit einem Monat sogar schon bis Petro – Alexandrowsk. Wir haben dieses Jahr einen sehr gelinden Winter, einmal nur 17° R. Kälte, seit dem halben Januar förmliche Frühlingstage. Dafür fehlt es auch nicht an häufigen, oft recht stark auftretenden Fiebern. Trotz dieser mancherlei Schwere und Druck läßt es andrerseits der Herr aber auch an Seinem Segen nicht fehlen. Das Handwerk, ja sogar Handarbeit der Frauen, giebt den meisten Familien die Mittel, sich nähren und kleiden zu können.
E.v. Riesen

   
Zuletzt geändert am 10 Januar, 2017