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Brief von Franz P. Banman aus Romanowka, Turkestan in der "Mennonitische Rundschau" vom 28. Juli 1926

 

Abgeschrieben von Elena Klassen (Email), alle ihre Berichte.

 

Kopie der Zeitung "Mennonitische Rundschau" vom 28. Juli 1926, Seite 9. (gotisch) von Elena Klassen.

 

Trauruige Nachrichten aus Turkestan.

Den 1 Juni 1926.
Ich werde Euch kurz die letzten 4 Jahre beschreiben. Wir sind in den letzten drei Jahren sehr glücklich gewesen, das heißt im Herrn, wenn auch die Armut sehr drückte, doch waren wir froh und es war auch eine große Liebe zwischen uns und den anderen Geschwistern. Wir sind jetzt in Turkestan schon ein Jahr. Der Abschied von den Lieben in Sibirien war ein sehr schwerer. Den Geschwistern tat es leid, getrennt zu werden. Wenn Versammlung, Bibelstunde oder Gebetsstunde war, so waren wir auf den Platz, denn die Liebe Gottes trieb uns und waren so glücklich. Es ist jetzt schon zwei Jahre, da wurden wir im Winter sehr heimgesucht, denn im Herbst brach bei uns der Typhus aus und ging die ganze Familie rund, so daß zu 5 auf einmal lagen, und die Armut so groß, keiner hatte ein Hemd und keine Betten. Das hielt bis Weihnachten an. Weihnachten waren wir wieder gesund, so daß wir wieder die Versammlung besuchen konnten, und gleich nach den Feiertagen brachen bei uns die Pocken aus, die bekamen 6 Kinder. Wie glücklich wurden wir dabei, wenn wir so manche Gebetserhörung erfahren durften. Bei all unserer Armut waren wir doch froh, wir waren so arm, daß wir es garnicht beschreiben können, denn die Kinder hatten nicht alle was auf dem Leib, Jakob hatte nur ein altes Stück vom Pelz, das hing er sich dann um und ging dann vor dem Ofen stehen. Er war 3 Jahre alt, Katharina fing an zu gehen, die hatte nichts mehr.
Wir haben drei Jahre sozusagen ohne Brot gelebt, nur Grütze, Bohnen und Kartoffeln. Dann kam von hier ein Peter Hamm zu uns nach Sibirien, der sagte, wie gut es in Turkestan sei, der Weizen preise (kostet – E.K.) da nur 45 Kop. das Pud und ein Arbeiter bekomme einen Rubel den Tag. Dann dachten wir, wenn wir hinziehen, dürfen wir nicht hungern. Doch war im vorigen Jahr nur eine schwache Ernte, und dieses Jahr sieht es nach keiner Ernte. Es war bis jetzt noch wenigstens was zu verdienen, aber jetzt ist alles aus, keiner will einen Arbeiter, weil das Mehl so knapp ist, der Weizen preist 4 Rubel das Pud, Kartoffeln 2 Rubel das Pud, und unsere Familie ist so groß, 11 Seelen und wir haben nichts auch mal garnichts haben wir jetzt und gegessen soll werden. Die Kinder kommen und wollen Brot, und wir können ihnen nicht geben, dann weinen sie bitterlich. Wir haben schon eine Woche ein Mal den Tag gegessen, und das will auch aufhören, denn zu verdienen ist garnichts mehr. Wir sind 100 Rubel schuldig, und wir wissen nicht, wie es werden soll. Darum kommen wir noch einmal bittend und flehen um Hilfe, denn es ist bei uns große Not, als noch nicht gewesen ist. Versetzet Euch mal in unsere Lage, kein Pferd, keine Kuh, nicht mal ein Bettgestell oder Tisch. Hier können wir nicht bleiben, darum bitten wir Euch um Hilfe. Wenn wir könnten mit 500 Rubel geholfen werden, dann könnten wir hier weg. Darum bitten wir von ganzem Herzen, denn so können wir nicht leben bleiben. Wenn wir nicht eine Vater droben hätten, dann würde es noch viel schwerer sein. Vielleicht stellen Sie es dort der Gemeinde vor über unsere Armut, und wenn Sie uns was schicken wollen, dann bitte ich so schnell wie möglich, wenn es ginge dann telegraphisch. Es geht dann viel sicherer, und uns tut es sehr not. Bitte sagt uns diese Bitte nicht ab, sonst wissen wir nicht, wie wir leben sollen, schon einen Dank im Voraus. Jetzt sollen wir noch aus dem Quartier, wir sind hier 3 Familien im Haus, es ist sehr enge, und wohin, die Wohnungen sind alle voll, über voll, und wir haben so viel Kinder, da ist`s schwer, eine Wohnung zu finden, darum habt Mitleiden mit uns, bitte, bitte, so schnell wie möglich. Franz sein Vater ist auch in Sibirien, der schreibt, daß der Nalog (Steuer – E.K.) sozusagen aufgehört hat und der Weizen preist 70 Kop. das Pud, und so wollen wir wieder zurück nach Sibirien. Ach daß Ihr uns doch helfen könntet. Wenn Ihr uns doch könntet so viel schicken, daß wir uns dort gleich könnten eine Kuh oder Pferd kaufen. Wundert Euch nicht, daß wir so schreiben, denn so können wir nicht leben. Die Not und der Hunger drückt uns sehr, denn wir haben noch 1 ½  Eimer Kartoffeln, das ist alles, was wir noch haben, kein Mehl oder sonst was. Ich glaube und hoffe ganz fest, daß Ihr uns helfen werdet, denn der Herr kann alles machen, und ich glaube, es kommt vom Herrn, daß Ihr uns helfen sollt, anders wissen wir nicht, wie wir hier noch einmal weg sollen, wir arbeiten jetzt auf dem Hof für das Quartier, denn auf Arbeit gehen kann man so viel man will und bekommt nichts zu verdienen. Mehl kostet schon 6 Rubel das weiße und so ist alles teuer, und wenn die Familie so groß ist und alles gekauft werden muß und man nichts verdienen kann, so weiß einer nicht ein noch aus. Ich glaube, auch dieses kommt von Herrn, daß Er uns so stark heimsucht, und wir glauben auch, daß Er uns auch wieder helfen wird.
Grüßend verbleiben wir Eure Geschwister im Herrn
Franz u. Helena Banman.
(Ich bin Peter Krausen Tochter, Helena aus Nikolajewka, Ignatjejwer Kolonie.)
Unsere Adresse ist: Turkestanskij Kraj,
Syr-Darinnskaja Oblastj, Stadt Aulie-Ata, Post Orlowka, Posjelok Romanowka, Franz.P.Banmann.

 

   
Zuletzt geändert am 24 Dezember, 2016