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Bericht von Neu Samara vom 29. September 1929 in "Der Bote" vom 13 November 1929, Seite 4

 

Abgeschrieben von Peter Letkemann.

Zugeschickt von Andreas Tissen (Email), alle seine Berichte.

 

Es gibt so vieles zu sagen, dass man nicht weiß, wo man anfangen soll. Die Saiten werden immer straffer angezogen, so dass man befürchten muß, sie werden eines schönen Tages platzen! Die 16. Parteikonferenz hat beschlossen, mehr Aufmerksamkeit der Kollektivisation, Antireligion und strengerem Vorgehen den Kulaken gegenüber zu schenken, usw. Ja, man schenkt der Kollektivisation mehr Aufmerksamkeit! Soeben lese ich: „Wenn im vorigen Jahre der Ertrag der Getreidekultur von den Kollektivwirtschaften 2.5% der Gesamtproduktion der Landwirtschaft betrug, so bildet er in diesem Jahre 5%. Womit is solches Streben der Bauern in die landwirtschaftliche Kollektive und solch rapides Wachsen der Kollektivbewegung zu erklären? Damit, dass (fettgedruckt) „die Bauern durch die Erfahrung sich überzeugt haben, dass die Wirtschaft in einem landwirtschaftlichen Kollektiv besser gestellt ist.“ Also, soweit. Ja, der Bauer hat sich überzeugt, dass es sich in den Kollekivwirtschaften besser lebt! Diese Ueberzeugung bringt man unsern Bauern bei! Auf welche Art!? Können sie sich der Redensart erinnern, dass in Russland sogar die Katzen „Senf“ lecken? Es wird gesagt, man trete ihr kräftig auf den Schwanz, und dann fresse sie alles! Wir haben ja in nicht zu großer Entfernung Kollektive, welche heute entstehen und morgen wieder sterben. Sollten gerade die schlechtesten in unserer Nähe sein? Man gibt in den Zeitungen immer die „Walowaja pribyli“ an, aber niemals die ungeheuren Summen, welche man in so einem Kollektiv hineinsteckt! Man erzählt uns hier, dass die ersten beiden Dörfer No. 1 und 2 der Orenburger Ansiedlung räumen sollen, es soll diese Fläche in einen daselbst sich gründenen Kollektiv miteingeschlossen werden. Wo bleiben aber unsre Mennoniten, werden Sie fragen. Ja, sie sollen etwas weiter ab Land bekommen und haben sie dann das Vergnügen ihre Häuser abzubrechen und zu versetzen, und solches kann sich wiederholen. – Eine nette Perspektive, was?
                Es wird erzählt, dass man auch die Alt-Samarer kollektivisiert habe, denn selbige hätten ihr Getreide von der diesjährigen Ernte in ihren Elevator zusammenschütten müssen, und so wollten sie auch gemeinsam ihre landwirtschaftliche Steuer bezahlen, und zu diesem Zweck wollten sie gemeinsam das nötige Quantum Weizen aus den Elevator verkaufen, worauf man ihnen aber gesagt habe, das Getreide gehöre jetzt der Regierung, und die Bauern wären noch in der Lage, aus andern Mitteln die Steuer zu entrichten. – Wr. verkaufte am 2. Oktober durch öffentlichen Ausruf 10 Simmentaler Kühe, 3 Kuhkälber und verschiedene Sachen, um seine landwirtschaftliche Steuer und 406 Rubel Strafgelder, welche ihm das Gericht auferlegt hat, dieweil er scheinbar die Köchin mehr als 10 Stunden hat arbeiten lassen. (d.h. in einem Tage !), zu bezahlen. H.W. hat man vor 2 Wochen verurteilt, 175 Rubel Strafe zu zahlen, dieweil seine Köchin dem Wirte geholfen hat, Ziegeln zu fahren. –
                Wir haben in diesem Jahr hier auf Neu-Samara nur eine sehr schwache Ernte. Es hat gegeben, jenach dem das Dorf oder die Dörfer ihr Land bearbeitet haben, von 5 Pud bis 20 Pud pro Dessiatine. Trotzdem muß unsere Ansiedlung 27,000 Pud Getreide „islischki“ (!) (Ueberschüsse) schütten. Ein mancher Bauer fährt sein Saatgetreide und sogar teilweise auch sein Brot weg und weiß nicht, wie es werden soll. Die Leute werden von Seiten der Bevollmächtigten damit vertröstet, dass ein jeder Saatgetreide zum Frühjahr bekommen soll, wer es nicht sei, ob reich (!) oder arm! Aber leider finden sie unter 100 Mann nicht einen, der so was glaubt, denn man kann sich ja das Rätsel nicht erklären, uns das Getreide jetzt abnehmen und es im Frühjahr wieder abgeben! Wir wissen aus Erfahrung, dass diejenigen, die man „Mittelbauern“ nennt, kein Saatgetreide von jeher bekommen haben, geschweige denn die sogenannten „Wohlhabenden“ und sogar „lischentzy“ und Kulaken, und jetzt noch ein neue Sort „podkulatschniki“ (Unterkulaken). Wir müssen ja alljährlich umsonst ein gewisses Quantum Getreide im Spreicher zusammenschütten, welches der „Reservefonds“ genannt wird, damit im Falle einer schlechten Ernte unsere Bauern wegen Saat nicht in Verlegenheit kommen sollen, und so hatten wir, (d.h. die Ansiedlung) schon über 14,000 Pud Getreide liegen, aber im vergangenen Frühjahr hat die Regierung es alle weggefahren, und in diesem Jahre muß die Ansiedlung wiederum über 5000 im „Seljfond“ unentgeltlich schütten, und niemand weiß, ob er je etwas bekommen wird.
                Donskoj wurde in diesem Jahre mit landwirtschaftlicher Steur nicht so sehr hoch belegt, 3,562 Rubel (im vergangenen Jahr 7,800 Rubel), Getreide mussten wir „po chlebosagotowke“ schütten 1800 Pud, außerdem im „seljfond“ noch 534 Pud. Für den Weizen zahlt man von 1,14 bis 1,40 pro Pud, während das Kilo Zucker gegenwärtig 1,58 preist. – Für das Vieh wird in diesem Jahre keine Norm gesetzt, d.h. man darf kein Korn für’s Vieh zurückhalten. Unser Bauer würde ja auch schon nicht viel protestieren, wenn man ihm nur die Saat und das Brot lassen würde. Es macht sich sonderbar, z. B. der Bauer hat im ganzen 80 Pud bekommen, zur Aussaat braucht er 70 Pud, diese 70 Pd, sagt man ihm, dürfe er nicht antasten, die müssen bleiben zur Aussaat, dann soll er aber noch liefern an die Regierung 50 Pud, und das übrige kann er behalten zum Essen! – Es ist hohnsprechend! – Also 10 Pud hat er übergehalten, davon 50 abliefern und das übrige kann er behalten. Sowas ist hier jetzt an der Tagesordnung! Bei den Russen haust man nach dieser Richtung hin furchtbar. Dutzendweise werden russische Bauern arretiert, das Vermögen unter dem Hammer verkauft. In der Furcht lebend, dass es wieder ein Hungerjahr wie 1921-22 geben könne, versteckt der russische Bauer sein Getreide. Wenn man es bei ihm findet, wird ihm alles Vermögen konfisziert, und er selbst wird eingesteckt.
                Bei unsern Mennoniten ist es hierin nicht so schlimm, dieweil die Verteilung des uns auferlegten Getreides oder Geldsummen doch mehr nach wirklichem Vermögen und Können gemacht wird. Aber unsere Zukunft liegt dunkel vor uns, denn wir wissen heute nicht, womit man uns morgen überraschen wird. Wenn ich neute noch „Mittelbauer“ bin, so bin ich morgen vielleicht schon  „Kulak“ oder „lischenetz“. Vielleicht stellt man uns morgen vor die Wahl, entweder „Kollektiv“ oder aussiedeln. Gehe ich heute in den Kollektiv, so geht ja natürlich auch totes und lebendes Inventar mit hinein, und gefällt es mir darin nicht, so sagt man mir ganz höflich, bitte schön, du kannst zu jeder Zeit austreten, nur bleibt dein totes und lebendes Inventar Eigentum des Kollektivs. Am Land hast dann auch keinen Anteil mehr. Also, das Resultat ist, du musst in dem Kollektiv eintreten, ob du willst oder nicht, und dann weißt du doch noch immer nicht, ist der Sozialismus vollständig? Nein, o nein, vom Sozialismus soll’s führen zum Kommunismus. Und was ist Kommunismus? Wenn hier zwei von unsern hiesigen Kommunisten, männlich und weiblich, sich mit einmal einig werden, dann spielen die Mann und Frau ohne irgend registriert zu werden, geschweige denn getraut. Wenn unsere alten Mennoniten so was sehen, dann spucken sie aus und sagen „Pfui“. Unsere jungen Leute schauen leider schon leichter darüber hinweg. Aber wohin führt solches? Wir sollen ja mit der Zeit alle aus einem Kessel essen, gleich gekleidet gehen usw. usw. mit einem Worte gesagt, es soll ein Eden geben.
                Wer bis jetzt sein Getreide nicht geliefert hat, soll als Strafe das Fünffache liefern. Dann soll laut neuem Dekret Selbstbesteuerung (!) bis zum 15. Dezember eingezahlt werden und sage und sprich – 50% von der eingezahlten landwirtschaftlichen Steuer. Also, habe ich 200 Rubel Steuer gezahlt, so muß ich 100 Selbstbesteuerung zahlen. Dann kommt Versicherung ungefähr 35 – 40 Rubel pro Wirtschaft, dann „3 Sajem industrialisazii“ usw. usw. – Futter  für Vieh ist nur wenig da, und wird infolgedessen sehr viel Vieh abgeschafft. Täglich wird viel Rindvieh verkauft, Pferde weniger, denn selbige sind so sehr billig. Den Roggen konnten wir nur spät einsäen, denn es regnete immerfort nicht. Es wird noch immerfort gesät, denn unsere Bauern sind überzeugt, dass zum Frühjahr schwerlich irgendwer Saatgetreide haben wird, und um nicht Hungers zu sterben, riskiert man jetzt und sät Roggen, geht er auf, ist gut, geht er nicht auf, so muß es eben gut sein. – Soweit über die wirtschaftliche Verhältnisse hier.
                Ueber Auswanderung – In Moskau sollen schon über 300 Familien liegen und täglich kommen immer neue Scharen an aus allen Himmelsgegenden. Im Orenburgischen finden täglich Ausrufe statt. Man hat daselbst schon 18 Mann arretiert nur deshalb, dass man liquidiert und nach Amerika will. Aber das spornt die Leute nur immer mehr an, und man lässt Häuser stehen und geht davon. Auch auf unserer Ansiedlung fängt’s damit an. J.R.-D. hat kürzlich außer der Wirtschaft alles verkauft und ist nach Moskau gegangen. Zwei Männer aus Krassikow wollen ebenfalls liquidieren und nach Moskau gehen, und viele, viele sprechen davon, wenn es sein muß, lassen sie alles stehen und liegen und gehen davon. Wahrscheinlich wird sich dann auch hier die GPU einmischen. Wir fürchten diese Einmischung nicht, vielleicht wird dadurch die Aufmerksamkeit der Regierung auf uns gelenkt, Wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse sich hier mit einmal anders gestalten sollten, so würde die Emigration ins Stocken geraten. – Kann es eine Änderung geben? Sie werden wahrscheinlich gelesen haben, dass in den höchsten Parteikreisen Spaltungen entstanden sind, denn Bucharin ist auf Holzwege geraten, man beschuldigt ihn, dass er den Kulaken mehr Freiheit geben will, – also auf Trotzky’s Wege geraten ist. In den Schulen soll jetzt Antireligion getrieben werden, und sind etliche Schulbücher so verfasst, dass das ganze Buch davon spricht, und das Kind immer wieder davon lesen muß. Ein Orenburger Lehrer hatte 3 Blätter aus einem Buche, welche so sehr Antireligiöses enthalten hatte, rausgeschnitten; und hat man ihn seines Amtes als Lehrer enthoben und eingesteckt. Alles dieses treibt den Menschen von der heimatlichen Scholle.                                  T.B.

   
Zuletzt geändert am 30 Juli, 2017