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Brief von Franz Martens aus Klinok, Neu Samara vom 6. November 1931 in der "Mennonitische Rundschau" vom 16 Dezember 1931, Seite 6.

 

Abgeschrieben von Peter Letkemann.

Zugeschickt von Andreas Tissen (Email), alle seine Berichte.

 

 

Lieber Bruder!
Der Friede Gottes, welche höher ist denn alle menschliche Vernunft, sei Dir von uns gewünscht. Amen!
                Vorige Woche schickte ich einen Brief an Dich, worin ich wohl alles, was mir wichtig ist, beschrieben habe. Weil aber das Paket jetzt angekommen ist, will ich auch gleich antworten, denn morgen wird wieder nach Soroka gefahren und dann will ich den Brief mitgeben; hier in Pleschanow ist der Postmeister einer von unseren deutschen Kommunisten aus Lugowsk, ein verkommener. . . und der vernichtet fast alle Briefe. Schade, dass Du bei dem Paket meinen Namen gebraucht hast, jetzt wissen sie unser Geheimnis. Das Paket ist aus der Stadt Riga vom Arbeiter-Kooperativ. Ich durfte nicht ein Kopeke Zoll zahlen, was ich schlecht verstehen kann, denn so ein Mensch, wie ich jetzt genannt werde, nämlich Kulak, hat keine Rechte, bekommt auch keine Hilfe, und wenn er verhungert, ist es ganz egal.
                Heinrich Suckau schrieb, dass er von Pilzen und Kraut lebe, wie es aber im Winter werden wird, weiß er nicht. Ist solches nicht schrecklich? Und das heißt „swoboda“ [Freiheit].
                Nun will ich für dieses Mal wieder schliessen. Meine Frau will auch noch ein wenig schreiben. Lieber Bruder, vergelten kann ich Dir das Paket nicht. Ich sage Dir von ganzem Herzen Dankeschön und der Herr wird Dir’s vergelten in der Ewigkeit. Statt Händebruck einen herzlichen Gruß von Deinem inniggeliebten dankbarne Bruder Franz.
                Ach, lieber Bruder, wie bin ich so zerschlagen. Ich habe noch einen Sack Weizen, kann aber nicht mahlen, habe auch keine Freiheit, was zu kaufen, mit einem Wort gesagt – ein Auswurf. Aber in Donskoj bin ich bei den Leuten, der ich war. Hier bin ich fremd, gehe nirgends.
                Lieber Bruder! Im vorigen Briefe schrieb ich wegen Postpaier. Solltest Du jenen nicht erhalten haben, so bitte ich mit diesem, denn Du kannst an diesem Blatt sehen, dass ich keins habe. Grüße alle Freunde und Bekannten.

 

Vielgeliebter Schwager!
                Trotzdem mein Mann schon alles geschrieben hat, will ich auch nocht schreiben. Es ist schwer, wie es uns jetzt geht, aber ich freue mich, dass Du mitfühlst. O, es ist herzzerbrechend, dass die Kinder alle weg sind und wir uns hier in einem fremden Dorfe müssen herumstoßen und die Kinder so weit ab sind. Wir haben schon lange keine Nachricht von ihnen. Uns träumt jede Nacht von ihnen. O, wenn es doch mal ein Ende hätte mit all dem Elend. Wenn wir könnten erlöst werden! Aber der liebe Gott tut ja nichts Ungerechtes, aber zu verstehen ist es nicht. Aber wir wollen auch nicht mutlos werden, wollen uns bereit machen, dass doch nicht einer fehlen möchte, nicht wahr, Schwager? Ich sage vielmal Dankeschön für das Geschenk: etwas Mehl, etwas Fleisch, etwas Kuckurusgrütze. Wenn Du uns noch eine Liebe willst bezugen, so werde ich Dich bitten um Zucker und Reis und ein wenig Obst, denn wir bekommen hier gar nichts. Sie verkaufen uns auch nichts, es ist sehr schwer für uns. Nur, lieber Bruder, wenn Du kannst. Der liebe Gott wird Dich segnen und dort belohnen. Grüße Frau Wittenberg und sage ihr, sie soll Gott danken, dass sie dort sind, könnt ruhig leben. Zum Schluß einen Gruß von Deiner tiefbetrübten Schägerin.                            

Anna Martens

 

Nachträglich: Es traf ein Brief ein von den Kindern aus der Verbannung. Ich will aus demselben nur folgendes anführen: „Wir sind wohl satt, aber haben kein warmes Zimmer, schlagen im Kamelstall, frieren, denn wir haben nichts anzuziehen. Es fehlen Pelze. Wir müssen Häuser verschmieren.“ –

Folgendes Gedicht ist von unserer Tochter Liese aus der Verbannung:
 
Von der Heimat weit entfernet,
Von der Heimat lieb und traut,
Bin ich ja in weiter Ferne
Immerfort, tagein, tagaus.
Habe keine Ruhestätte,
Bin verlassen, wo ich steh.
Meine Heimat, meine Heimat
O dich möchte ich wieder sehn!

Wenn ich denk’ wie andre Kinder
In dem lieben Elternhaus,
Gehen zum Vater, gehen zur Mutter,
Gehen frei, tagein, tagaus. –
Und ich muß in weiter Ferne
Unter fremden Leuten sein.
Muß mein Briot mit schwer verdienen
Ach, es ist oft hart wie Stein.

Dann will mir mein Herze brechen,
Fast vergehn im Scherz und Weh.
Doch ich muß zum Trost mir sprechen:
Droben gibt’s ein Wiedersehn!
Wo kein Leiden, wo kein Sterben,
Wo kein Scheiden mehr wird sein.
In der Heimat, in der Heimat
Gibt’s ein frohes Wiedersehn!

Abends, wenn die Lüfte wehen
Durch die Bäume leis’ dahin,
Ach, dann kommt das bange Sehnen,
Nach der Heimat traut und schön.
Und wenn ich zur Ruh mich lege,
Wenn die Sterne friedsam stehn,
Denk’ ich noch in tiefer Stille,
An die Heimat traut und schön.
               
Ach, was hilft mir alle Klagen,
All das bitt’re Ach und Weh?
In Geduld will ich es tragen,
Hoffend auf ein Wiedersehn!
In der Heimat wohnt der Friede,
In der Heimat ist’s so schön.
In der Heimat, in der Heimat
Gibt’s ein frohes Wiedersehn!

Die Adresse der Verbannten ist: Gorod Akmolinsk, Tschelkartij Awjasowchos Nr. 85, W.G.O. Skotowod Uginde-Kul Sleparju, Heinrich Martens.

Unsere Adresse ist: USSR, Franz J. Martens, P.O. Pleschanowo, Orenburgskij Okrug.
   
Zuletzt geändert am 30 Juli, 2017