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Brief von Witwe Maria Dürksen, Klinok im Neu-Samarischen vom 6 März 1932 in "Der Bote" vom 27 April 1932, Seite 5

 

Abgeschrieben von Peter Letkemann.

Zugeschickt von Andreas Tissen (Email), alle seine Berichte.

 

„. . . Werde euch etwas unsere Lage schildren. Wenn ihr solltet hier sein und sehen, was hier vorgeht, dann würdet Ihr staunen. Unser Dorf ist ziemlich leer geworden. Zwanzig Mann sind mit den Pferden, die noch vorhanden waren, weggeschickt, dorthin, wo noch Futter ist, und die übrigen sind ca. 500 Werst hinter Samara auf Schlitten auf Arbeit geschickt. Zur Saatzeit sollen sie zurückkehren.
                Unsere Kost ist: Des Morgens ein Stückchen Roggenbrot und Zuckerrübe, mittags Kartoffelsuppe, abends gebackene Kartoffeln. Ja, es will uns manchmal zu „kartoffelich“ im Magen werden; aber wir sind doch dankbar, dass wir sie haben. Nicht alle haben sie. Alles geht zur Neige; noch zweimal backen, dann ist das Mehl alle, und Kartoffeln haben wir noch auf eine Woche. Es sind Kartoffeln bei der Regierung zu kaufen, sie kosten 18 – 20 Rubel das Pud; aber wir haben kein Geld. Wir haben diese Kartoffeln im Herbst ausgegraben und wegfahren müssen, und nur ein paar Pud durften wir für uns behalten. Im Frühjahr sagten sie: Ihr braucht nur ein paar Reihen im Garten zu setzen, für den Sommer, zum Winter bekommt ihr Kartoffeln. Man glaubte ihnen, und jetzt sind wir angeführt und sollen uns die Kartoffeln kaufen.
                Mit dem Weizen wurd es gerade so gemacht, und wer sich nicht etwas „geklemmt“ hat, ist ohne Brot. Hin und wieder wird etwas Getreide herausgegeben, aber das kostet 2 Rubel 30 Kopeken das Pud, und ohne Geld gibt’s nichts. Aber für die Arbeit zahlt man auch nichts. Hier sind wohl schon ungefähr 60 Pferde krepiert.Es ist jämerlich anzusehen. Sie liegen 3 – 4 Tage und sterben langsam, aber abschneiden ist nicht erlaubt. Sie werden abgeledert und in einer Scheune aufbewahrt; wozu wissen wir nicht. Wir haben schon geholt. Die Kinder essen es gekocht und gebraten, aber ich kriege es nicht hinunter.
                Was wir im Frühjahr ohne Pferde wollen, weiß ich nicht. Es kam einer aus Moskau und hielt eine Rede. Es war nicht so gemeint, wie es gemacht worden war; jeder könne eine Kuh und das Kalb und ein Schwein halten. Jetzt haben wir wieder unsere Kuh und das Kalb zurückerhlaten und wir können doch wieder Mus kochen. Es ist ein schweres Leben. Der liebe Gott möge uns vor dem Hungertode bewahren. . .
                                               Witwe Maria Dürksen

   
Zuletzt geändert am 30 Juli, 2017