Willi Vogt. Mennonitische Ahnenforschung



Gemeindebericht 1848, das Molotschnaer Mennonitengebiet

 

Gemeindebericht 1848, Mennonitenkolonien.

33. Tiegerweide

Diese Kolonie wurde im Fruehling 1822 von 24 Landwirten (1855: 24 Wirtschaften, 35 Anwohnerfamilien, insgesamt 144 Maenner, 142 Frauen; 1857: 24 Wirtschaften, 126 Maenner, auf 1560 Desj. und 11 landlose Familien, 47 Maenner.) begruendet, hat aber seit der Ansiedlung einen Zuwachs von 22 Freiwirten erhalten, die zum Teil Handwerker, zum Teil Tageloehner sind. Sie hat 52 Wohnhaeuser, worunter 5 massiv aus gebrannten Ziegeln gebaut, 29 Viehstaelle, 28 Getreidescheunen, darunter 7 Querscheunen, 1 Schulhaus, 1 Vorratsgetreidemagazin, 1 Hirtenhaus, 3 Schmieden, 1 Getreidewindmuehle und 1 Getreidetretmuehle, die mit Pferdekraft getrieben wird.
Die Nordseite der Kolonie stoesst an den kleinen Fluss Kuruschan, das westliche Ende derselben an die Tschumakenstrasse. Suedlich der Kolonie entlang befindet sich der im Jahre 1838 angelegte Gehoelzgarten und am oestlichen Ende ist ein Teil des Ackerlandes. Ihre Entfernung von Berdjansk betraegt 98 Werst. Das zu dieser Kolonie gehoerige Land, groesstenteils Steppe, liefert eine gute Viehweide. Ein Teil des ziemlich flach mit Schwarzerde bedeckten Ackerlandes ist bergig und uneben, es liegt noerdlich vom Flusse Kuruschan, welcher das ganze Land in zwei Haelften schneidet. Der suedlich vom Flusse gelegene Teil ist eben. Der Fluss Kuruschan bildet eine kleine Niederung von 60 Dessj., und am Suedende des Dorfes schlaengelt sich der Fluss Juschanlee vorbei, welcher daselbst die Grenze ist und ebenfalls eine Niederung bildet, in welcher die Gemeinde 72 Dessj. besitzt. In diesen beiden Niederungen erhaelt jeder Wirt jaehrlich bei mittelmaessiger Ernte etwa 600 Pud Heu; wenn aber in fruchtbaren Jahren auf der Steppe auch noch Heu gemaeht werden kann, so belaeuft sich die Heuernte bei jedem Wirt auf 1200 bis 1800 Pud. Steinbrueche und Waldungen sind nicht vorhanden.
Vor der Ansiedlung befand sich diese Steppe 5 Jahre lang als Weideland fuer die Schafe bei den Einsassen der Kolonie Tiege, den Bruedern Johann, Abraham und Jakob Klassen und Gerhard Wilms in Pacht. Sie hatten auf dieser ihre Schaeferei, Staelle und Wohnungen erbaut und nannten sie Tiegerweide, welcher Name auch auf die spaetere Kolonie uebertragen wurde.
Vierzehn der urspruenglich hier angesiedelten Familien stammen zumeist aus den westpreussischen Bezirken Danzig und Marienburg. Ihre Namen sind: 1.) Johann Abrahams, 2.) Klaas Dick, 3.) Anton Harder, 4.) Heinrich Franz, 5.) Bernhard Matthies, 6.) Johann Harder, 7.) Heinrich Balzer, 8.) Jakob Poettker, 9.) Klaas Martens, 10.) Heinrich Goerz, 11.) Jakob Schoenke, 12.) Peter Janzen, 13.) Johann Dick, 14.) Diedrich Geddert. Diese 14 Familien erhielten durchschnittlich je 859 R. Banko Kronsvorschuss; ihre eigenen hergebrachten Mittel betrugen durchschnittliche 300 Rubel Banko auf die Familie.
Die uebrigen 10 Familien sind Kinder der frueher eingewanderten Ansiedler. Sie heissen: 1.) Jakob Kroeker, 2.) Diedrich Hildebrand, 3.) Jakob Volk, 4.) Jakob Rempel, 5.) Kornelius Volk, 6.) Peter Klaassen, 7.) Gerhard Wilms, 8.) Jakob Klaassen, 9.) Isbrand Thiessen, 10.) Johann Klaassen. Die Familien hatten sich durch Fleiss im Handwerk oder Tagelohn so viel erspart, dass sie mit eigenen Mitteln anbauen konnten.
Im uebrigen hat diese Kolonie ihr Los mit den anderen geteilt und ist im Wohlstand nicht zurueckgeblieben. Denkwuerdig ist, was ueber den Besuch Sr. Majestaet des Kaisers Alexander I. am 22. Oktober 1825, "4 Wochen vor seinem kummervollen Ende" berichtet wird:
Seine Majestaet geruhten bei der Ankunft in Steinbach in der Behausung des Mennoniten Peter Schmidt einzukehren und daselbst zu Mittag zu speisen. Beim Aussteigen aus der Kalesche an der Einfahrt des Hofes wurde Se. Majestaet von den Kirchenaeltesten der Mennoniten bewillkommt und empfing von selbigen mit einem guetigen Laecheln ein schriftliches Glueckwunsch- und Bewillkommungsschreiben folgenden Inhalts:
"Alergnaedigster Monarch! Die Vorsehung hat uns das Glueck verliehen, Ew. Kaiserlicher Majestaet, unsern Allergnaedigsten Monarchen und Vater abermals in unserer Mitte zu sehen. Unter Deiner milden Regierung, unter deinem Schutz und Beschirmung wohnen wir hier gluecklich und ruhig. Nimm von uns, Allerdurchlauchtigster Monarch, die Ergiessung der Gefuehle unserer Dankbarkeit, Ergebenheit und Liebe an. Nimm die Versicherung unserer herzlichen und immerwaehrenden Gebete zum Allerhoechsten an. Ja, Gott der Herr kroene Dich, Dein ganzes Majestaetisches Haus und alle Deine grossen wohltaetigen Unternehmungen mit seinem Segen." Unterschrieben von den geistlichen und weltlichen aeltesten der Mennonitengemeinde. Der Monarch ging in das Zimmer. Einige Minuten nach dem Mittagessen wurden die Mennonitenaeltesten gerufen. Der Kaiser fragte, ob sie mit allem zufrieden seien und ob sie nicht etwa Klagen haetten. Und nachdem sie geantwortet, dass sie in jeder Hinsicht gluecklich und zufrieden seien, und dass ihnen nur uebrig bliebe, dem Monarchen fuer alle Mildtaetigkeiten und Gnade zu danken, sagte Er: "Ich bin ebenfalls mit euch fuer euer ruhiges Leben und Arbeitsamkeit zufrieden. Ich wuensche aber, dass ihr Gehoelzplantagen, besonders aus amerikanischen Akazien, welche in hiesiger Gegend schnell wachsen, zu einer halben Dessjatine auf den Wirt anlegen moechtet."
Darauf entliess er sie, rief den Wirt und die Wirtin, dankte ihnen, beschenkte sie mildreich und ging hinaus zum Abfahren.

Schulz Heinrich Guenther.
Beisitzer Johann Barg, Abr. Wiebe.
Schullehrer Reinhard Hiebert, Verfasser.


Quelle: Odessaer Zeitung. 42. Jahrgang, 1904, Nr. 213


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Zuletzt geaendert am 1 Mai 2008