Willi Vogt. Mennonitische Ahnenforschung



Gemeindebericht 1848, das Molotschnaer Mennonitengebiet

 

Gemeindebericht 1848, Mennonitenkolonien.

25. Pastwa

Das Land der Molotschnaer Mennoniten bildet an der Ostseite zwei Spitzen, von denen die suedlicher gelegene sich am weitesten nach Osten vorstreckt. Ganz am Ende dieser Spitze wurde im Jahre 1820 die Kolonie Pastwa gegruendet. Dieser Name, von dem polnischen Wort fuer Weide abgeleitet, wurde ihr auf den Wunsch mehrerer der angesehendsten Ansiedler dieser Kolonie, welche in Preussen in einem Dorf gleichen Namens gewohnt hatten, gegeben und soll "gute Weide" bedeuten. Die naechsten Grenznachbarn von der Suedseite sind Tartaren und oestlich und nordoestlich Russen. Die Kolonie liegt in einer kleinen Vertiefung ohne Namen, unweit des Ursprungs des Fluesschens Juschanlee, ist von Berdjansk 65 und von Simferopol 330 Werst entfernt. Das Dorf besteht aus zwei Haeuserreihen und enthaelt 18 Wirtschaften und 5 Anwohnerstellen (1855: 18 Wirtschaften, 32 Anwohnerfamilien, insgesamt 131 Maenner, 135 Frauen), letztere schliessen sich an beiden Enden des Dorfes an die Feuerstellen an. Nachdem auf der angewiesenen Steppe, welche Johann Kornies in Pacht hatte, bereits zur Ansiedlung geschritten und 4 Wohnhaeuser errichtet worden waren, musste wegen Mangel an Wasser das Dorf um eine Werst verlegt werden, wo es sich denn auch jetzt durch mehrjaehrige reich gesegnete Ernten und unter der dankenswerten Fuersorge unserer hochgeschaetzten Obrigkeit zu einem ziemlichen Wohlstand erhoben hat. Es zeichnet sich nicht gerade durch hervorragende Gebaeude oder durch Anpflanzungen vor anderen Kolonien aus, doch aber machen die einfachen und regelmaessig gebauten, von den Gipfeln der Baeume ueberragten Haeuser, die gut bepflanzten Gaerten und die an der Suedseite des Dorfes angepflanzte Schutzwehr, sowie die am Suedwestende des Dorfes an einem Bergabhange vor 13 Jahren angelegte Gehoelzplantage einen guenstigen Eindruck. Die vorschriftsmaessig bezaeunte Strasse verteilt sich am Suedwestende in zwei Hauptrichtungen, von denen die eine nach Grossweide und die andere nach Franztal fuehrt. Am Nordostende fuehrt eine Strecke weit erst ein Weg, welcher sich dann in der Richtung nach verschiedenen Russen- und Tartarendoerfern verzweigt. Quer durchs Dorf fuehrt eine Mittelstrasse, an welcher man zuerst das Dorfmagazin und dann etwas weiter den Kirchhof antrifft. Der Boden, dessen Oberflaeche aus schwarzer Erde besteht, ist obwohl an einigen Stellen etwas salpetrig, doch ziemlich ergiebig, namentlich seit Einfuehrung der Brache. Die Viehweide ist auch in fruchtbaren Jahren nur sehr mittelmaessig. Von den ersten 18 Familien, welche diese Kolonie anbauten, sind gegenwaertig nur noch 6 auf den Wirtschaften. (Wie die vorliegenden Berichte erweisen, scheinen Wirtschaftsuebergaben doch viel haeufiger vorgekommen zu sein, als man es bisher in der Literatur annahm.) Die meisten sind gestorben und einige in andere Kolonien uebergesiedelt. Sie sind im Jahre 1819 aus dem preussischen Regierungsbezirk Marienwerder gekommen. Ihr Anfuehrer war der verstorbene Kirchenaelteste Franz Goerz. Sieben von ihnen waren imstande, sich mit ihren eigenen Mitteln anzubauen, die anderen erhielten einen Kronsvorschuss von 6005 Rbl. Banko, wovon bereits 4491 Rbl. abgezahlt sind. Im uebrigen unterscheidet sich die Geschichte dieser Kolonie nicht von derjenigen ihrer Schwesterkolonien.

Schulz Heinrich Wiebe.
Beisitzer Jakob Loewen, Jakob Thiessen.
Schullehrer Andreas Voth.
Pastwa, den 27. April 1848.


Quelle: Odessaer Zeitung. 42. Jahrgang, 1904, Nr. 202


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Zuletzt geaendert am 1 Mai 2008