Willi Vogt. Mennonitische Ahnenforschung



Gemeindebericht 1848, das Molotschnaer Mennonitengebiet

 

Gemeindebericht 1848, Mennonitenkolonien.

10. Petershagen

Diese Kolonie wurde im Jahre 1805 von bereits im Jahr 1804 eingewanderten Ansiedlern gegruendet. Den Winter hatten sie in den Chortitzer Kolonien zugebracht, wo die Bemittelten einige Unbemittelten bei sich aufgenommen hatten, wofuer diese jenen beim Haeuserbau halfen und wiederum hierin bei ihnen Unterstuetzung fanden. So konnte im Fruehling 1805 mit Erfolg zur Anlegung der Kolonie und zur Niederlassung geschritten werden.
Die Lage des Landes und das Bestreben der Kolonisten, in der Naehe eines Gewaessers anzusiedeln, brachten es mit sich, dass man die Kolonie am Auslaufe eines kleinen Steppenflusses in den Tokmakfluss, 5 Werst vom Dorfe Tokmak entfernt, verlegte, wo sie an der einen Seite eine kleine Niederung und an der andern Seite auf einer Unterlage von rotem Ton ein fruchtbares, aus Schwarzerde bestehendes Steppenland besitzt. Die Steppe eignet sich vorzueglich zum Getreidebau, waehrend die den wohltaetigen ueberschwemmungen des schmelzenden Schnees ausgesetzte Niederung mit ihrer bedeutenden Schicht von Dammerde dem Graswuchs sehr guenstig ist.
Auf den Wunsch des hiesigen Ansiedlers Abraham Janzen, dem alle anderen beipflichteten, wurde der Kolonie zum Andenken an einen Ort im frueheren Vaterlande, wo manche Ansiedler gewohnt hatte, der Name Petershagen gegeben.
Die hiesigen Ansiedler waren groesstenteils junge Familien, von welchen 12 bemittelt und 8 unbemittelt waren (1855: 20 Wirtschaften, 44 Anwohnerfamilien - insgesamt 143 Maenner, 143 Frauen.) Sie waren bei Grodno im Jahr 1804 aus den Bezirken Danzig, Elbing und Marienburg durch russisch Polen ueber die Grenze gekommen und zur ueberwinterung in die Chortitzer Kolonien gewiesen worden. In moeglichst kleinen Partien hatten die Einwanderer nach vorhergegangener Beratung die einsichtsvollsten Maenner zu Fuehrern bestimmt. Unter den hiesigen Ansiedlern befand sich ein Mann namens Johann Janzen, Bruder des erwaehnten Abraham Janzen, der als Fuehrer einer Partie mit bedeutendem Vermoegen und einer zahlreichen Familie auch im Jahr 1804 eingewandert war. An ihn hatten sich ausser seinen drei verheirateten Soehnen waehrend des in Chortitza zugebrachten Winters noch 16 Familien aus verschiedenen Partien angeschlossen. Eine weise Massregel der russischen Regierung bei der Einwanderung der Ansiedler hatte darin bestanden, dass jeder Partie nach ueberschreitung der Grenze den des Landes und der Sprache unkundigen Leuten von Station zu Station ein des Weges kundiger Soldat beigegeben wurde, welcher fuer Schutz und Sicherheit und fuer moeglichst schnelle und billige Herbeischaffung der noetigen Lebensmittel Sorge zu tragen hatte.
Der Anblick des von den Bewohnern des Kronsdorfes Tokmak zur Viehweide benutzten, nur mit einigen duerren Graesern bedeckten Landes, wo weder Haus, noch Baum, noch Strauch zu sehen war, mag auf die Ansiedler beim ersten Betreten desselben im Fruehling 1805 einen traurigen Eindruck gemacht haben. Doch man hatte keine Zeit, sich wehemuetigen Rueckerinnerungen an das soeben verlassene Vaterland hinzugeben: die erste Ernte musste bestellt und das unentbehrliche Obdach musste gebaut werden. Die acht unbemittelten Familien bekamen ausser den taeglichen Zehrungsgeldern vom Betreten der Grenze bis zur ersten Ernte einen Kronvorschuss von 4541 R. Banko, alle ohne Unterschied jedoch ein ansehnliches Geschenk beim uebertritt ins Russische Reich von der Behoerde ausgezahlt. Die zwoelf bemittelten besassen im ganzen ein Vermoegen von etwa 15.500 R. Banko.
Die hiesigen Einwanderer hatten eine ansehnliche Zahl deutscher Kuehe und Stiere aus Preussen mitgebracht, welche gleich im ersten Jahr an der ausgebrochenen Viehseuche bis auf 3 Stueck eingingen. Der Verlust war hart, jedoch da nur diese eine Ansiedlung von der Krankheit betroffen wurde, so konntt man das Vieh durch Ankauf aus den anderen Kolonien nach Moeglichkeit ersetzen. Haerter war der Verlust im Jahre 1809, wo ueber die Haelfte des Rindviehs an der Seuche verloren ging. Da von der Seuche dieses Jahres viele Kolonien mit betroffen wurden, so war dann das deutsche Rindvieh teuer und trotz der guten Ernten auf dem jungfraeulichen Boden wurde der Geldmangel bei der Billigkeit aller laendlichen Produkte sehr fuehlbar. 1823 zerstoerte die kleine, 1827 die groessere Gattung von Heuschrecken die Ernte. 1828 fielen wiederum 145 bis 150 Rinder an der Viehseuche. Schwerer jedoch als alles andere waren die Jahre 1833 bis 1834, wo man infolge des Misswachses das Getreide 300 bis 500 Werst herholen musste und das Tschetwert Roggen hier am Orte 40, das Tschetwert Weizen 50 Rbl. Banko zu stehen kam.
Trotzdem bei den hiesigen Einwanderern die Schafzucht im Auslande nur einen aeusserst unbedeutenden Wirtschaftszweig gebildet hatte, so waren es doch 20 und einige Stueck Schafe, welche sie aus Preussen mitgenommen hatten und womit sie die hiesige Schafzucht begruenden wollten. Ungeachtet der edlen und gemeinnuetzigen, auf Vermehrung und Veredlung der Schafe gerichteten Absichten des Wirkl. Staatsrats Kontenius gedieh die Schafzucht nur langsam, und erst in den 20er Jahren fing bei den Ansiedlern der Wunsch an rege zu werden, sich mit der Veredlung der Schafe mehr zu befassen. Es wurden zu diesem Behufe aus der emeindeschaeferei (Es war die Aufgabe der Gemeindeschaefereien, die Ansiedler mit Boecken zu versehen. Zum 1. Nov. wurde jaehrlich je ein Bock auf 25 Schafe verteilt. Nach der Bespringungszeit wurden sie genauestens untersucht, um kranke Tiere rechtzeitig ausscheiden zu koennen.) fuer welche 1807 Merinos angekauft und spaeter von der hohen Krone Zuchtboecke geschenkweise bewilligt wurden, uns lehnsweise Merinos-Sprungboecke abgelassen. Seitdem hat uns die Schafzucht bedeutende Einnahmen verschafft.
Aber nicht allein diesen, sondern allen Zweigen der Landwirtschaft seine Aufmerksamkeit schenkend, war der selige Herr Kontenius noch besonders fuer Baumanpflanzungen gestimmt. Durch Loben der Fleissigen und Ermahnen der weniger Taetigen wurde danach gestrebt, die Kolonie mit Obstgaerten nicht bloss zu verschoenern, sondern auch in ihren Einnahmen zu bereichern. Doch noch wichtiger ist in dieser Hinsicht die Folge des Allerhoechst ausgesprochenen Wunsches Sr. Majestaet des hochseligen Kaisers Alexander I. bei dessen Durchreise durch die hiesigen Kolonien im Jahre 1825, dass jeder Wirt 1/2 Dessjatine mit Waldbaeumen bepflanze. Zufolge dieses Allerhoechsten Wunsches wurde vom Fuersorgekomitee, dessen damaliger Vorsitzender General der Infanterie Insow war, im Jahre 1832 ein landwirtschaftlicher Verein im Molotschnaer Mennonitenbezirk gebildet und bestaetigt. Durch Einsicht suchte der Verein die Waldanpflanzung moeglichst rasch zu foerdern. Die Anpflanzung konnte zum dritten Teil aus Maulbeerbaeumen bestehen, welche den Ansiedlern durch Einfuehrung der Seidenraupenzucht bereits bedeutende Einnahmen verschaffte. Es waren aber auch die Absichten des Vereins, mit Unterstuetzung der Kolonialbehoerde die Vierfelderwirtschaft regelmaessig einzufuehren, zu welchem Behuf in dieser Kolonie die frueher sehr unzweckmaessig angelegten Feldstuecke in groessere, die Bearbeitung vereinfachende zusammengezogen wurden.

Schulz Martens.
Beisitzer: Martens, Fast.
Schullehrer Peter Neufeld.


Quelle: Odessaer Zeitung. 42. Jahrgang, 1904, Nr. 176


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Zuletzt geaendert am 1 Mai 2008