Willi Vogt. Mennonitische Ahnenforschung



Gemeindebericht 1848, das Molotschnaer Mennonitengebiet

 

Gemeindebericht 1848, Mennonitenkolonien.

2. Muntau

Die auf dem fuer den Molotschnaer Mennonitenbezirk bestimmten Lande nach Augenschein zur Anlage von Kolonien gewaehlten passendsten Stellen wurden durchs Loos an die Ansiedlergruppen verteilt, welche sich zur Gruendung der einzelnen Doerfer vereinigt hatten. Auf die spaetere Kolonie Muntau fiel bei dieser Verlosung ein Ort am linken Ufer der Molotschna, welcher zwischen den im gleichen Jahr angelegten Doerfern Halbstadt und Schoenau gelegen war, wo aber zwischen letzterem und diesem Dorfe ein Jahr spaeter noch Tiegenhagen angesiedelt wurde, etwa 47 Werst von Orechow und 114 Werst von Berdjansk entfernt, wo die Nogaier auf freier, baumloser Steppe mit ihren Herden herumschwaermten. Die Ansiedlung geschah 1804 unter der Leitung des Oberschulzen Klaas Wiens; der Bau der Wohnhaeuser wurde aber infolge verschiedener Hindernisse erst 1805 und 1806 vollendet. Steppe und Flussniederung eignen sich gut fuer den Getreidebau, doch sind die Salpeterstellen in der Niederung bei trockener Witterung dem Graswuchs hinderlich, wodurch selten eine gute Heuernte ermoeglicht wird. Die an beiden Seiten der Kolonie in gutem Wachstum sich befindenden Obstgaerten haben mehrere Jahre unter den Beschaedigungen der Spindelraupe gelitten und sind ohne Frucht und Laub wie verdorrt dagestanden. Die 1809 angelegte Waldanlage mit den hohen Gipfeln ihrer Gehoelz- und Maulbeerbaeume bietet dem Reisenden einen anmutigen Anblick und gewaehrt den Besitzern Nutzholz und Laub zum Seidenbau, welcher schon mehrere Jahre, wie auch im letzten 1847 gute Einnahme abgeworfen hat.
Nach uebereinkunft der 21 Ansiedler der Kolonie mit dem Oberschulzen Klaas Wiens wurden sie nach einem im frueheren Vaterlande befindlichen Dorfe Muntau genannt.
Da die hier hausenden Nogaier keine Wohnungen, sondern nur bienenstockaehnliche aus Staeben und Filzdecken zusammengestellte Zelthuetten, sog. Koschen, besassen, so fanden die Ansiedler hier kein Obdach vor. Zum ersten Winter richteten sie sich Erdhuetten ein und benutzten die angefangenen Wohnhaeuser zu Viehstaellen. Der von der Krone erhaltene Vorschuss belief sich fuer diese Kolonie auf 12,640 R. 27 K. Banko.
Da jeder Wirt anfaenglich nur zwei Pferde besass, so mussten je zwei Wirte zusammen die Saat bestellen. Die neidischen Nogaier aber stahlen ihnen haeufig die Pferde weg, so dass dann drei bis vier Wirte zusammen zu pfluegen gezwungen waren, weshalb die Saat zu spaet hinausgebracht wurde und die Ernte gering ausfiel. Durch die Bemuehungen der Obrigkeit wurde der Diebstahl allmaehlich abgeschafft.
Die Viehseuche ist sieben Mal aufgetreten, doch ist die ganze Gemeinde nur dreimal, 1828, 1833 und 1839 davon betroffen worden.
1822 bis 1827 richteten die Heuschrecken mehr oder weniger Schaden an. Im Jahr 1824 kam noch Misswachs und Hagelschlag dazu, so dass grosse Not entstand und besonders viel Vieh vor Hunger starb. Um eine Hungersnot vorzubeugen, sandte die Ortsobrigkeit Maenner nach Polen, um Getreide ankaufen zu lassen, wovon aber eintretender Hindernisse wegen wenig ankam. Zum Glueck taten sich andere Hilfsquellen auf, wodurch der groessten Not abgeholfen wurde. Im Jahr 1827 sind die Heuschrecken, nachdem sie grossen Schaden angerichtet hatten, mit einem starken Suedostwinde davongeflogen und bis auf diese Zeit, Gott sei Dank, nicht wiedergekehrt.
In den Jahren 1833 und 1834 ueberstieg die Not alles Vorhergegangene. Da setzte die Obrigkeit ueber alle Kolonien eine Hauptkommission ein, welche eine Geldanleihe machen und in entfernten Gegenden Getreide ankaufen musste. Die fuer die einzelnen Kolonien eingesetzten Kommissionen hatten das angekaufte Getreide unter den Notleidenden zu verteilen, doch so, dass diese verpflichtet waren, spaeter alles wieder zu bezahlen. Hornvieh und Schafe wurden haeufig geschlachtet, um Brot zu sparen und weniger Vieh zum Ausfuettern zu haben. Die Pferde wurden auf entfernte Weideplaetze gebracht, wo aber viele wegen der knappen Weide umkamen und mit vielen Kosten zurueckgeholt werden mussten. Infolge bedeutender Spaetregen wuchs auf den verdorrten Feldern eine Menge Kurai, womit man das uebrige Vieh durchbringen konnte. Im Fruehjahr 1834 wurde den Unbemittelten auch das Saatgetreide geliehen, aber, weil auch jetzt der Regen ausblieb, gab es nur eine schwache Ernte und das zur Not erforderliche Futter fuer das Vieh.
Im Julimonat des Jahres 1824 wurden vier Kraemer und ein Knabe aus anderen Kolonien auf der Rueckreise aus Romen, woselbst sie die von den hiesigen und den Wirten anderer Kolonien auf Kommission mitgenommene Wolle verkauft hatten, von Juden ueberfallen, des erloesten Geldes beraubt und schaendlich ermordet.
Am 11. Mai 1818 um 9 Uhr abends verspuerte man einen sanften Erdstoss; das schreckenerregende Erdbeben vom 11. Januar 1838, welches hier um 9 Uhr 30 Minuten ausbrach, hatte die eine angenehme Folge, dass das Wasser in den Brunnen seit der Zeit hoeher steht.
Die veredelte Schafzucht, der Obstbau, der Seidenbau und der seit Gruendung der Stadt Berdjansk aufgebluehte Weizenbau haben diese und die anderen Kolonien zur Bluete gebracht. Um das Wohl der Gemeinden hat sich ausser vielen aus der Mitte derselben gewaehlten Vorgesetzten besonders der im Jahre 1830 im 81. Lebensjahr verstorbene Staatsrat S. v. Kontenius verdient gemacht. Der unvergessliche Vorsitzer Johann Kornies leuchtete ueberall mit gutem Beispiel vor und ruegte mit ernster Strenge die einschleichende Unordnung und Untaetigkeit. Besonders verdient machte er sich durch die Verbesserung aller wirtschaftlichen Einrichtungen. Leider wurde er zu frueh fuer sein ernstes Wirken durch den Tod abgerufen. Er starb im Alter von 59 Jahren den 13. Maerz 1848, doch die Frucht seines Wirkens ist und soll noch in Zukunft gesegnet bleiben.
Ohne den Weizenbau, welcher noch gewinnbringender wurde als die Produktion der Wolle, waeren die Kolonien nie das geworden, was sie sind. Jetzt sind in Muntau die Huetten der ersten Gruender durch huebsche, geraeumige und wohnliche Haeuser von gebrannten Ziegeln verdraengt, und diese haben der Kolonie ein weit schoeneres Aussehen gegeben.
Die in der Beschreibung von Halbstadt erwaehnten hohen Besuche wurden auch der Kolonie Muntau zu teil.

Schulz Johann Langermann
Besitzer Kornelius Lopp, Jak. Duck
Schullehrer Gerh. Gossen, Verfasser
Muntau, den 30. Apr. 1948.


Quelle: Odessaer Zeitung. 42. Jahrgang, 1904, Nr. 169


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Zuletzt geaendert am 1 Mai 2008