Willi Vogt. Mennonitische Ahnenforschung



Gemeindebericht 1848, das Molotschnaer Mennonitengebiet

 

Gemeindebericht 1848, Mennonitenkolonien.

5. Lindenau

Am 15. Juli 1804 kamen die ersten Ansiedler unter Leitung ihres noch in Chortitza gewaehlten Oberschulzen Klaas Wiens an dem ihnen zugewiesenen Ansiedlungsorte an und gruendeten die Kolonie 269 Faden von der Molotschna entfernt in einer etwa 2 Quadratwerst grossen Niederung, welche von einem kleinen der Molotschna gleich laufenden Fluesschen in der Richtung von Nordost nach Suedwest durchschnitten ist. Zwischen den beiden Fluessen ist die Niederung sehr zum Graswuchs geeignet, weil sie sehr niedrig ist und oft ueberschwemmt wird. In der Heuernte richten diese ueberschwemmungen allerdings oft Schaden an. An der andern Seite des kleinen Flusses ist die Niederung ihres salpeterhaltigen Bodens wegen fast keines Ausbaus faehig. Die mit etwas Lehm und Sand vermischte schwarze Erde der Steppe ist weniger fuer den Graswuchs als fuer den Getreidebau geeignet, auch wachsen auf ihr die Baeume besser als in der Niederung. Die Gehoelzplantage ist oberhalb des Dorfes angelegt und zeigt ueppiges Wachstum, hat aber im vergangenen Winter durch heftige Stuerme und Schneeverwehungen sehr gelitten. Der erste Gebietsvorsteher Klaas Wiens hat der Kolonie nach einem Dorfe in frueheren Vaterlande den Namen Lindenau gegeben. An ihrer Stelle hat frueher ein grosses Nogaierdorf gestanden. Auf Befehl der Obrigkeit sind diese Nogaier im Jahre 1805 weggezogen und haben sich in einer Entfernung von 12 Werst und weiter von hier angesiedelt. Die Namen der urspruenglich hier angesiedelten 21 Familienvaeter waren nach der Reihenfolge ihrer Nummern folgende: Peter Friesen, Peter Wiebe, Martin Born, Jakob Kaempf, Daniel Neufeld, Isaak Loewen, Isaak Wiens, Franz Enns, Heinrich Enns, Kornelius Toews, Jakob Wiens, Kornelius Penner, Klaas Friesen, Peter Kemsenning, David Hiebert, Jakob Klaassen, Kornelius Goerzen, Johann Wiebe, Peter Neufeld, Klaas Froese, Paul Klassen. Diese Familien zaehlten 47 maennliche und 43 weibliche Seelen. David Hiebert war der einzige, welcher so viel eigenes Vermoegen besass, dass er auf die Unterstuetzung der Krone verzichten und sich auf eigene Kosten anbauen konnte. Die ganze Dorfsgemeinde besass an mitgebrachtem Vermoegen etwa 8000 Rbl. Silber. Das Anbauen war anfaenglich etwas beschwerlich: einige hatten sich zum Winter Erdhuetten gemacht, einige aber, die bemittelter waren oder mehr Arbeitskraefte besassen, bauten sich zu zwei und mehr Familien ein Wohnhaus fuer den Winter auf. — Zum Schutz fuer das wenige Vieh bauten sie ebenfalls Huetten. Das Bauholz musste auf eine Entfernung von 85 Werst herbeigeholt werden. Die anwohnenden Nogaier konnten keine Unterkunft bieten, weil ihre Behausungen lediglich bienenkorbaehnliche, mit Filzdecken ueberzogene Zelte waren, welche sie auf ihren zweiraedrigen Wagen von Ort zu Ort transportierten.
Die guenstigen und unguenstigen Einfluesse auf das Wohl der Gemeinde sind die gleichen wie in den vorhergehenden Kolonien. Im Jahre 1825 nahmen unsere Kraemer Peter Bauer von hier, Jakob Duck von Tiegenhagen, Johann Willms von Blumstein und Johann Wiens von Altona von den Bewohnern dieses Bezirks spanische Wolle auf Kommission und brachten sie im Juni auf den Romer Jahrmarkt zum Verkauf und begaben sich mit einem ansehnlichen Erloes auf die Heimreise. Doch was geschah? Von bekannten Juden in einen Wald verleitet, wurden sie etwa 10 Werst vor dem Staedtchen Gaditsch (wahrscheinlich Gadjatsch) von denselben ermordet. Unter der Zahl der Verunglueckten befand sich auch der zwoelfjaehrige Sohn des Peter Bauer, namens Erdmann. Die Taeter wurden bald erwischt, aber das Geld fuer die Wolle war doch meistenteils verloren.
Im Hungerjahr 1833 wurde vom eigenen Vermoegen 1421 R. 83 3/4 K. zum Ankauf von Brotfrucht verausgabt, ausser der Anleihe, die noch von einigen wenigen gemacht worden war.
Es war ein schoener Tag, als Se. Majestaet Kaiser Alexander Pawlowitsch unsere Kolonie besuchte und gerade hier die Station war. Er kam um 10 Uhr morgens bei dem ehrwuerdigen Kirchenlehrer David Hiebert an, wo das Fruehstueck bereitet war. Beim Eintritt ging er einigemal in der Stube auf und ab und sagte liebevoll: "Jetzt, hebe Kinder, habe ich das deutsche Reich in Meinem Lande." Bei der Fruehstueckstafel fragte er, ob auch jemand zu klagen habe, worauf dann Frau Hiebert sagte: "Wir haben nicht zu klagen, sondern vielmehr zu danken fuer die grosse Gnade und huldreiche Aufnahme in Ihrem Reiche." Da fasste er sich zweimal vor die Brust und sagte: "Sie und Ihre Kinder und Kindeskinder sollen Meine Gnade geniessen." Beim Abschied ueberreichte er der Frau Hiebert zum Gnadengeschenkt einen Brillantring. Dieser Tag, an welchem wir den Gesalbten in unserer Mitte zu sehen das Glueck hatten, wird uns und unseren Kindern nie aus dem Gedaechtnis kommen.
Auch erinnern wir uns noch oft des 16. Oktober 1837 und des 1. Oktober 1841. Der eine Tag brachte uns die Besuche Sr. Kaiserlichen Hoheit des Zaesarewitsch und Thronfolgers Alexander Nikolajewitsch und der andere den Besuch Ihrer Kaiserlichen Hoheit der Gemahlin des Grossfuersten Michail Pawlowitsch Helene Pawlowna.
Am 20. August 1945 um 10 Uhr morgens ist auch Se. Kaiserliche Hoheit der Grossfuerst Konstantin Nikolajewitsch in unserer Kolonie zum Besuch gewesen, allwo er bei dem Wirt Gerhard Neufeld einkehrte, mit mehreren seiner Begleiter das Fruehstueck einnahm und der Frau des besagten Neufeld zu seinem hohen und ehrenvollen Andenken zwei Brillanten Ohrringe ueberreichte.

Schulz Abraham Riediger
Beisitzer Peter Quapp, Abraham Friesen
Anton Kornelsen, Schulmeister
Lindenau, den 1. Mai 1848.



Quelle: Odessaer Zeitung. 42. Jahrgang, 1904, Nr. 171


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Zuletzt geaendert am 1 Mai 2008