Willi Vogt. Mennonitische Ahnenforschung



Gemeindebericht 1848, das Molotschnaer Mennonitengebiet

 

Gemeindebericht 1848, Mennonitenkolonien.

32. Gnadenheim

Die Kolonie wurde im Jahre 1821 am linken Ufer des Steppenflusses Bogoemtschukrak, 47 Werst von Orechow und 90 Werst von Berdjansk entfernt, gegruendet. Das Land war damals unbewohnt und wurde von den Viehherden der angrenzenden Russen und Nogaier beweidet. Die urspruengliche Niederlassung bestand aus 16 Familien, wurde aber im Jahre 1822 noch durch 4 Familien verstaerkt. Erst 1844 kamen noch einmal 2 und endlich 1845 und 1846 je eine Familie hinzu, so dass sie jetzt aus 24 Wirten besteht (1855: 24 Wirtschaften, 34 Anwohnerfamilien, insgesamt 187 Maenner, 155 Frauen; 1857: 24 Wirtschaften, 127 Maenner, auf 1560 Desj. und 7 landlose Familien, 24 Maenner). Zehn von den ersten Ansiedlern waren aus den Bezirken Danzig, Marienwerder und Marienburg mit verschiedenen anderen partienweise ohne besonderen Fuehrer eingewandert und erhielten einen Vorschuss von je 560 bis 854 Rbl. Banko, im Ganzen aber 7620 Rbl. Banko. Ihre aus dem Auslande hergebrachten Mittel bestanden wesentlich nur aus je 2 Pferden und Wagen. Die anderen 6 der ersten Familien waren in den aelteren Molotschnakolonien erwachsen und hatten ausser 2 Pferden und Wagen nicht mehr als 200 Rbl. Eigentum. (Leider wissen wir nicht, ob diese Umsiedler von ihren Heimatgemeinden aus unterstuetzt worden sind.)
Der Boden des Landes besteht meistenteils aus leichter schwarzer Erde, stellenweise mit Lehm vermischt, und ist zum Grasbau mittelmaessig, zum Getreide- und Gartenbau aber gut geeignet.
Den Namen erhielt die Kolonie vom Vorsteher der damaligen Ansiedlungskommission Johann Kornies, und zwar auf folgende Veranlassung: Da die angrenzende Dorfsgemeinde Alexanderwohl auf ihrer Herreise vom Kaiser Alexander I. in Warschau beglueckwuenscht wurde, gab man ihr den Namen Alexanderwohl. Kornies aber sagte: "Ihr habt euch ebenso gut wie jene der Gnade des Landesvaters zu erfreuen und sollt deshalb euer Dorf Gnadenheim nennen."
Im Jahre 1825 wurde ein 30 Fuss langes und 28 Fuss breites Schulhaus von Luftziegeln erbaut. Als aber die Schuelerzahl auf 50 heranwuchs und der Raum sich als zu eng erwies, so wurde im Jahre 1844 unter Leitung des landwirtschaftlichen Vereins, der sich die Verbesserung des Schulwesens sehr angelegen sein liess, ein neues Schulhaus von gebrannten Ziegeln und mit hollaendischen Dachpfannen gedeckt 54 Fuss lang, 32 Fuss breit und 10 1/2 Fuss hoch erbaut. 1829 wurde auf Verlangen der Behoerde das Vorratsmagazin gebaut und 1836 unter Anleitung des landwirtschaftlichen Vereins die Garten- und Waldanlagen begonnen. 1828 am 18. Maerz brannten die Gebaeude der Feuerstelle Nr. 13 ab, 1832 am 8. April das Wohnhaus der Feuerstelle Nr. 20, 1842 den 28. Maerz abends spaet, als alle Einwohner schliefen, in 1 1/2 Stunden bei starkem Winde die Gebaeude der Feuerstellen Nr. 9, Nr. 8 und Nr. 7.
Seuchen, Heuschrecken und Misswachs haben auch diese Kolonie mehr oder weniger stark mitgenommen.
Doch ist unter der weisen Leitung der Obrigkeit und sonstiger tuechtiger Maenner, wie Johann Kornies, auch hier so bald wie anderswo Wohlstand und Gedeihen eingetreten.

Schulz Reimer.
Beisitzer: Schultz, Peters.
Schullehrer Franz Isaak.
Gnadenheim, den 27. April 1848.


Quelle: Odessaer Zeitung. 42. Jahrgang, 1904, Nr. 212


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Zuletzt geaendert am 1 Mai 2008