Willi Vogt. Mennonitische Ahnenforschung



Gemeindebericht 1848, das Molotschnaer Mennonitengebiet

 

Gemeindebericht 1848, Mennonitenkolonien.

24. Franztal

Im April 1820 kamen 15 Familien aus dem Kreise Schwez bei Kulm in Westpreussen hier an, um unter anderen auch diese Kolonie zu gruenden. Es wurde von der Obrigkeit und einer zur Ansiedlung gewaehlten Kommission fuer zweckmaessig erachtet, jede Kolonie fuer 20 Feuerstellen einzurichten, aber nur 15 davon zu bebauen und die uebrigen fuer die Nachkommen leer zu lassen. Bei einer kurz darauf erfolgten Revision der Plaene fand es sich jedoch, dass die Kolonien nicht ihr gehoeriges Land bekommen wuerden, weshalb die Feuerstellen sogleich besetzt und eine Kolonie auf die anderen verteilt werden musste. So kam es, dass am 18. Mai desselben Jahres dieser Kolonie noch 8 aus dem selbigen Kreise eingewanderte Familien beigefuegt wurden. (1855: 24 Wirtschaften, 35 Anwohnerfamilien, insgesamt 184 Maenner, 160 Frauen; 1857: 24 Wirtschaften, 129 Maenner, auf 1560 Desj. und 9 landlose Familien, 45 Maenner).
Die Steppe, welche den Einwanderern von der hohen Krone geschenkt und dem damaligen Gebietsvorsteher und Paechter derselben Johann Kornies angewiesen und in ihrem Beisein abgemessen wurde, war ganz leer. Nur einige Nomaden weideten hier zur Sommerzeit ihre Herden. Um die zu gruendende Kolonie in der Mitte des Planes zu haben, waehlten die Ansiedler einen Platz, welcher in der gleichen Vertiefung liegt, wo die Kolonie Grossweide sich befindet. Diese Vertiefung war aber hier nur sehr gering und kaum bemerkbar. Sich in einer preussischen Niederung waehnend, gruben die Ansiedler sofort ein Loch in die Erde, um Wasser zu finden. Doch da hatten sie sich sehr getaeuscht. Je tiefer sie gruben, desto haerter und trockener wurde die Erde, bis sie in einer Tiefe von 8 1/2 Faden das muehsame Graben einstellten und nach sechswochentlichem Aufenthalt ihre Kolonie an den Fluss Juschanlee verlegten. Aber auch hier schien es unmoeglich, durch den harten Fels bis auf's Wasser zu gelangen, und dasselbe musste aus dem Flusse herbeigeschafft werden. Da das Dorf zweireihig angelegt war, so empfand diese Unbequemlichkeit namentlich die obere Reihe und es entstand lauter Unwille, bis endlich der Oberrichter Fadejew zur Besichtigung der neu angelegten Kolonie erschien und sie dem Fluss entlang einreihig anlegen liess.
Im ersten Jahr wurde nur ein Wohnhaus fertig, die anderen nahmen den ersten Winter in wohnbar eingerichteten Abteilungen in Staellen oder auch in Erdbuden vorlieb, bis unter taetiger Mitwirkung des damaligen Dorfsvorstehers Peter Ratzlaff der voellige Ausbau der Haeuser nach Zsit und Umstaenden vollendet wurde. Die Kolonie ist in der Richtung von Nordost nach Suedwest angelegt. Der Juschanlee bildet die Grenze zwischen ihrem und dem Lande der Tataren; bis zur entgegengesetzten Grenze am Lande des Dorfes Tschernigow betraegt die Entfernung 7 Werst. An der nordwestlichen Seite der Kolonie der Gasse entlang befinden sich die Obstgaerten, welche je eine Dessjatine Flaecheninhalt haben und bereits mit einer betraechtlichen Anzahl von edlen Obstbaeumen bepflanzt sind. Am Ende der Obstgaerten erhebt sich die Gehoelzplantage, welche von der Kolonie aus mit ihren gruenbelaubten Baeumen einen reizenden Anblick gewaehrt. Gegen Abend grenzt die Kolonie an Grossweide, gegen Morgen an Pastwa und ist von der Kreisstadt Berdjansk 60 Werst entlegen. Die vielen alten Grabhuegel (Mohilen) verleihen dem Lande sozusagen eine warzige Gestalt. Die Oberflaeche ist fast ueberall schwarze Erde, stellenweise etwas salpeterhaltig, mit einer Unterlage von Kies und Bruchstein, welche ueber einen Faden tief liegt und stellenweise zum Vorschein kommt. Obwohl die Ertraeglichkeit des Landes derjenigen an der Molotschna nicht gleichkommt, so gedeihen doch auch hier Baeume, Getreide und Futterkraeuter. Heftige Stuerme zerstoeren oft strichweise die Kornfelder.
Anfaenglich wurde dieser Kolonie der Name Pschuchowka nach dem frueheren Wohnorte der Ansiedler in Preussen gegeben. Da aber dieser Name als ein polnischer von der Obrigkeit nicht bestaetigt wurde, so brachte Ohm Benjamin Ratzlaff (Die geistlichen Vorsteher der Mennoniten wurden mit "Ohm" angeredet), gegenwaertig aeltester der Gemeinde zu Rudnerweide, der auch einer von den Gruendern dieser Kolonie ist, den ihm aus Preussen her bekannten Namen Franztal in Vorschlag, welchem gleich alle beistimmten.
Die ersten 15 Familien dieser Kolonien bildeten bei ihrer Einwanderung eine Partie, hatten jedoch keinen Anfuehrer. Von den beigezogenen aber sind einige mit der grossen Partie, deren Anfuehrer der nunmehr laengst verewigte aelteste Ohm Franz Goerz war, einige sind auch in kleinen Partien ohne Anfuehrer in's Land gekommen.
18 unbemittelte Familien haben auf ihre Bitte einen Kronsvorschuss von 10,721 Rbl. Banko erhalten. Die uebrigen hatten eigenes Vermoegen, welches sich insgesamt auf 15,260 Rbl. Banko belaufen haben mag.
Wegen der spaeten Aussaat erntete man im ersten Jahr nur ein wenig Hirse. Die folgenden zwei Sommer brachten nur 3 bis 4faeltige Ernten bei hohen Getreidepreisen. 1 Tscbt. Roggen kostete 20, Weizen 24 Rub. Banko. In den drei folgenden Jahren vernichteten die Heuschrecken gesegnete Ernten. Der harte Winter 1825 und das Jahr 1833 mit seiner Hungersnot und Viehseuche sind noch frisch im Gedaechtnis der Ansiedler. Infolge des Erdbebens am 11. Januar 1838 um halb 10 Uhr abends ist das Wasser in den Brunnen um ein Bedeutendes hoeher gestiegen. 1838 ist die Vierfelderwirtschaft und Schwarzbrache eingefuehrt worden. 1845 gab es kein Heu und an Getreide nur die Aussaat. 1846 und 1847 waren gesegnete Ernten, allein am 17. Juni des letzten Jahren vernichtete ein Hagelwetter die ganze Ernte. Der Sturm vom 25. Dezember 1847 bis 16. Januar 1848 hat viele Haeuser zum Einstuerzen gebracht, wodurch die betreffenden Familien in grosse Not kamen.

Franztal, den 26. April 1848.
Schulz Johann Flemming.
Beisitzer: Heinrich Ediger, Andreas Becker.
Schullehrer Kornelius Siemens.


Quelle: Odessaer Zeitung. 42. Jahrgang, 1904, Nr. 201


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Zuletzt geaendert am 1 Mai 2008