Willi Vogt. Mennonitische Ahnenforschung



Gemeindebericht 1848, das Molotschnaer Mennonitengebiet

 

Gemeindebericht 1848, Mennonitenkolonien.

37. Friedensdorf

Die Kolonie ist unter der damaligen Verwaltung des Herrn Fadejew, Kollegienrat und Oberrichter des Kontors fuer auslaendische Ansiedler in Jekaterinoslaw und des Gebietsvorstehers Johann Klassen zu Ohrloff im Jahre 1824 gegruendet worden. Sie liegt am linken Ufer des Flussbettes Bogemtschukrak, 47 Werst von Orechow und 90 Werst von Berdjansk entfernt. Der unebene Boden besteht aus leichter, schwarzer, stellenweise mit Lehm vermischter Dammerde; eignet sich gut zum Ackerbau, aber weniger zu Heuland.
Zwei Ansiedler wuenschten, dass die Kolonie zum Andenken an die ihnen in Preussen zunaechst gelegene Stadt Friedberg heissen moechte. Der Gebietsvorsteher aber fand es, da sie ja nicht auf einem Berge liegt, passender, sie Friedensdorf zu nennen.
Im Jahre 1824 haben sich 16 und "im folgenden 14 Familien angesiedelt (1855: 30 Wirtschaften, 32 Anwohnerfamilien, insgesamt 178 Maenner, 163 Frauen; 1857: 30 Wirtschaften, 137 Maenner, auf 1950 Desj. und 16 landlose Familien, 67 Maenner). Von den 30 Ansiedlern waren 20 im Jahre 1823 aus Preussen eingewandert, und zwar aus dem Landratsamte Schwez, 8 Familien, darunter Heinrich Poetker und David Schmidt, aus dem Landratsamte Marienburg, 7 Familien, darunter Franz Peters und Kornelius Fast, aus der Stadt Graudenz 1 Familie, Georg Schulz, aus dem Landratskreis Friedberg im Regierungsbezirk Frankfurt a. O. 2. Familien: Kornelius Voth und Peter Voth. Von den uebrigen Familien waren 3 Familien Nachkommen aus dem Chortitzer und 2 Familien Nachkommen aus dem hiesigen Mennonitenbezirk
Die unbesiedelte Steppe gehoerte zum Pachtland des Johann Kornies und wurde von den benachbarten Russen und Nogaiern zur Viehweide benutzt.
Siebzehn Familien erhielten zur Ansiedlung von der hohen Krone 3850 R. Silber Vorschuss und hatten ungefaehr 980 R. Silber eigenes Vermoegen. Dreizehn Familien siedelten [sich] aus eigenen Mitteln mit einem mutmasslichen Vermoegen von 3000 R. Silber an.
Das Ansiedlungsjahr war ausserordentlich unfruchtbar. Obschon die Ansiedler in denjenigen Kolonien, wo sie vorher gewohnt hatten, auch auf ihrem ihnen zugeteilten Lande Aussaat bestellt hatten, ernteten sie nichts, und das etwa noch gewachsene Futter frassen die Heuschrekken. Zu dem Futter- und Brotmangel gesellte sich der harte Sturmwinter, so dass viel Vieh verhungerte. Doch versuesste ihnen die Beschwerden der Besuch des wohlwollenden Monrachen Alexander I., dessen wahrhaft menschenfreundliches Benehmen auf die Ansiedler einen tiefen Eindruck machte.
Da im folgenden Jahre wegen Armut die Saat nicht gehoerig bestellt werden konnte, so konnten sie den reichen Erntesegen nicht in vollem Masse geniessen. Bis zum Jahr 1828 verursachten die Heuschrecken viel Schaden.
Im Jahre 1828 brach die Viehseuche aus. 1830 wurden die Schule und das Vorratsmagazin gebaut. 1831 verbrannte den Ansiedlern die dem Peter Schmidt in Steinbach auf Kommission gegebene Wolle, wofuer sie keine Entschaedigung erhielten. Besonders schwer war das Jahr 1833. Damals wurden die Pferde in die Gegend der Krim gegen hohe Bezahlung auf die Weide getrieben, wo jedoch die meisten vor Hunger und Kaelte umkamen. Das Rindvieh wurde teils geschlachtet, teils ins Innere von Russland verkauft. Die Schafe wurden fuer den halben Wert an die benachbarten Edelleute veraeussert. Durch den von der Kolonialverwaltung verschafften Kredit allein wurde es moeglich, dass die Kolonisten vor dem Hungertode bewahrt blieben, obgleich gaenzliche Verarmung und Verlust der Wirtschaften nicht immer verhindert werden konnte.
Trotz allem ist auch diese Kolonie durch die in anderen Abschnitten geschilderten den Wohlstand foerdernden Ereignisse allmaehlich emporgekommen.

Schulz Franz Wiens.
Beisitzer: Peter Buller, Peter Wiens.
Schullehrer Jakob Wiebe.
Friedensdorf, den 23. April 1848.


Quelle: Odessaer Zeitung. 42. Jahrgang, 1904, Nr. 218


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Zuletzt geaendert am 1 Mai 2008