Willi Vogt. Mennonitische Ahnenforschung



Gemeindebericht 1848, das Molotschnaer Mennonitengebiet

 

Gemeindebericht 1848, Mennonitenkolonien.

31. Alexandertal

Als nach dem franzoesischen Befreiungskriege verschiedene Auswanderungen aus dem Koenigreich Preussen stattfanden, so sammelten sich auch im Jahre 1819 eine Anzahl Familien aus den Mennonitengemeinden bei Graudenz und Stuhm unter der Leitung des Kirchenaeltesten Franz Goerz und des Lehrers Heinrich Balzer zur Auswanderung nach Suedrussland. Sie gelangten am 4. Oktober desselben Jahres in Chortitza an. Da aber an der Molotschna, wo auch schon mehrere mennonitische Kolonien gegruendet waren, noch Land fuer neue Ansiedler zu haben war, so wurde im Jahre 1820 unter Mitwirkung einer besonders eingesetzten Kommission von 6 Mitgliedern und des Gebietsamtes unter Beratung des Obervormundschaftskontors fuer auslaendische Ansiedler die Besiedlung dieser freien Laendereien durch neue Einwanderer betrieben.
Sechzehn der oben erwaehnten Einwanderer schloessen sich zur hiesigen Gemeinde zusammen und waehlten den Platz zur Niederlassung. Trotzdem es nur 16 Familien waren, so wurden doch fuer 20 Wirte Baustellen mit je 65 Dessj. Land verordnet. Die leeren Baustellen wurden durch neue Einwanderer aus Preussen in den Jahren 1821 und 1822 besetzt (1855: 21 Wirtschaften, 35 Anwohnerfamilien, insgesamt 167 Maenner, 140 Frauen; 1857: 21 Wirtschaften, 114 Maenner, auf 1365 Desj. und 10 landlose Familien, 44 Maenner). Da das mitgebrachte Vermoegen der Ansiedler zum Anbau und zur wirtschaftlichen Einrichtung nicht ausreichte, so gewaehrte die Krone einen Vorschuss von 11.320 Rbl. Banko. Das hergebrachte Vermoegen betrug etwa 5872 Rbl. Banko. Zum ersten Schulzen wurde der jetzt noch lebende Stephan Kerber gewaehlt. Auf Zuraten des damaligen Gebietsaeltesten Peter Toews, welcher damals in Ladekop und jetzt in Tiege wohnhaft ist, wurde dieses Dorf zum Andenken an die glorreiche Regierung des Kaiser Alexander I. Alexandertal genannt.
In den neuerbauten Stallungen der jungen Ansiedlung wurden die ersten Winterwohnungen eingerichtet; manche bargen sich auch in Erdhuetten. Es fehlte fast an allem. Bei vielen trat ein nie empfundenes Heimweh ein. Mancher waere gern wieder in seine frueheren Kreise zurueckgekehrt, wenn dieses so leicht haette geschehen koennen. Obenerwaehlte Maenner, Franz Goerz und Heinrich Balzer, welche sich in anderen Kolonien niedergelassen hatten, ahnten wohl den Herzenszustand ihrer Brueder, reisten oft umher, staerkten und troesteten die verzagten Gemueter, und da kein Gotteshaus vorhanden war, wurde in den Wohnungen, wo es sich am fueglichsten tun liess, Gottesdienst gehalten. Mit Rat und Tat, kein Ungemach scheuend, waren diese Maenner die Saeulen der Gemeinde und gingen jedem mit gutem Beispiel voran. Und es war noetig. In den Jahren 1822 und 1823 kamen die Heuschrecken und verheerten in wenigen Stunden die ganze Ernte, die ein Jahr des Landmanns Schweiss und Muehe gekostet hatte. Das entsetzliche Schneegestoeber von 1824 auf 1825 raubte den Leuten ausser den geringen Vorraeten die Haelfte des Viehbestandes.
Auf das schreckliche Notjahr 1833 folgte ein sehr gesegneter und fruchtbarer Sommer, so dass die Not bald vergessen wurde. In der Richtung von Ost und West liegt das Dorf Alexandertal am Fluesschen Tschukrak mit seinen regelmaessig gebauten Haeusern und der geraeumigen, geraden Gasse mit ihren guten Zaeunen. In der Mitte des Dorfes an der suedlichen Seite steht das Schulhaus und in der Naehe das Vorratsmagazin. An der suedlichen Seite des nur bei Regenszeit mit Wasser versehenen Fluesschens befindet sich ein ziemlich guter Steinbruch, welcher die Steine zu den Fundamenten der Haeuser liefert. Eine halbe Werst westlich vom Dorfe liegt die Waldplantage mit ihren in schoenem Wachstum stehenden Baeumen. Am Ostende des Dorfes befindet sich die dem Anwohner Stephan Kerber gehoerende Saemerei und Baumschule mit verschiedenen Obst- und Waldbaeumen.
Suedlich grenzt unser Plan an die benachbarte Nogaiersteppe und streicht in gerader Richtung gegen Norden 7 Werst lang bis an den Fluss Juschanlee, welcher hier die Grenze bildet. Fruchtbare schwarze Erde bedeckt den Boden, aber die Anpflanzungen auf den Feuerstellen stehen in gelbem Lehm, was zur Folge hat, dass die Baeume leider kein hohes Alter erreichen. Der suedliche Teil des Planes wird zum Ackerbau und als Heuwiese benuetzt, waehrend der noerdliche Teil bis an den Fluss Juschanlee, wo sich eine durch einen Damm gebildete Viehtraenke befindet, als Viehweide dient.
Wenn man den muehseligen Anfang dieser Kolonie mit dem bluehenden Zustand der Gegenwart vergleicht, so muss man sich wundern wie in so wenigen Jahren eine solche Veraenderung hat zustande kommen koennen. Die meisten der alten Haeuser sind durch geraeumige und feste Neubauten ersetzt, und alles deutet auf Wohlstand und Zufriedenheit. So sieht man auch hier, wie das unermuedliche Walten einer weisen Obrigkeit auf dem Gebiet der Schafzucht, des Ackerbaues und der Baumkultur unter Gottes Schutz und Segen die schoensten Fruechte gezeitigt hat.

Schulz Johann Kliewer.
Beisitzer: Abraham Kasper, Heinr. Funk.
Schullehrer Johann Janzen.
Alexandertal, den 23. April 1848.


Quelle: Odessaer Zeitung. 42. Jahrgang, 1904, Nr. 210


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Zuletzt geaendert am 1 Mai 2008