Willi Vogt. Mennonitische Ahnenforschung



Gemeindebericht 1848, das Molotschnaer Mennonitengebiet

 

Gemeindebericht 1848, Mennonitenkolonien.

13. Altona

Die Anlage der Kolonie und der Haueserbau wurden 1804 begonnen. Doch es wurden in dem Jahr wegen der allzu grossen Entfernung, aus welcher das Bauholz geholt werden musste, nur 6 Haeuser fertig. Die meisten Ansiedler blieben den ersten Winder in Erdhuetten wohnen.
Das suedwestliche Ende der Molotschnaer Mennonitenkolonien bildet beinahe ein Dreieck, welches durch die Molotschna und die in diese muendende Juschanlee entsteht. Ungefaehr eine Werst oberhalb dieser Muendung liegt die Kolonie Altona in einer von der Molotschna gebildeten Niederung. Da die Eigenart des Flusses den Ansiedlern unbekannt war, gingen sie nach preussischem Muster mit schnurgeraden Dorfsplan zu nahe an die Molotschna, so dass sie eine unvermutete ueberschwemmung im kuenfitgen Jahr zwang, die groesste Zahl der zum Glueck noch leeren Baustellen weiter hinaufzuruecken, wodurch die gerade Richtung der Kolonie in eine gebogene verwandelt wurde.
Den Ansiedlern war es ueberraschend zu sehen, dass ein Steppenfluss solch bedeutende ueberschwemmung herbeifuehren konnte. Wenn naemlich in den Wintermonaten schnelles Tauwetter einfaellt, und die noch gefrorene Erde das Wasser nicht aufsaugen kann, so werden durch die Gewalt der Stroemung die im Flussbette befindlichen Eismassen aufeinander geschoben und reissen alles, was ihnen in den Weg kommt, mit sich fort. Es kommt dann vor, dass die Stroemung die Breite von mehreren hundert Faden erreicht, die ganze Niederung unter Wasser setzt und jeglichen Verkehr, auch denjenigen der Post, aufhebt. Die Gaerten an der nordwestlichen Seite sind gegen solche ueberschwemmungen durch Daemme geschuetzt, waehrend die Keller der niedrig gelegenen Haeuser mit Wasser gefuellt werden.
Die Hoehen zwischen den Taelern der Molotschna und der Juschanlee liegen mehrere hundert Fuss ueber der Meeresflaeche, nach Westen sich abdachend mit einer fruchtbaren, auf einer roten Tonunterlage, ruhenden Schwarzerdeschicht. Die Taeler enthalten eine bedeutende salpeterhaltige Schicht Dammerde und sind an der Juschanlee so flach, dass sie durch Daemme bewaessert werden. Die Brunnen in den Taelern enthalten meistenteils trinkbares Wasser. Durch das Aufschuetten einiger Erddaemme sind in beiden Steppenfluessen Teiche entstanden, welche, da das Wasser wegen der naheliegenden Ansiedlungen nicht abgelassen werden kann, in ungesunde Suempfe ausarten, die Fieber und andere Krankheiten erzeugen.
Ausser einigen Resten von Schleedorngebuesch sind hier keine Spuren von Naturwaldungen angetroffen worden. Es gedeihen aber fast alle Gattungen von Baeumen, nur die in den Niederungen gepflanzten Obstbaeume scheinen wegen des im Boden enthaltenen Salpeters nicht von langer Lebensdauer zu sein.
Bei der Ansiedlung war die Steppe mit den schoensten Wiesen bedeckt, auf denen das Gras so ueppig wuchs, dass es Getreidefeldern glich und junges Vieh hier schwer zu finden war, wenn es sich darin verirrte. Dieser Graswuchs verhinderte das Austrocknen der Erde und verursachte infolge dessen haeufigere Niederschlaege, waehrend jetzt, da die Steppe ihres Grasschmuckes laengst entbehrt, das Land den trockenen Winden schutzlos preisgegeben ist, wodurch der Regen oft lange ausbleibt. Trotzdem fallen die Ernten infolge der Vierfelderwirtschaft und guten Bearbeitung ergiebiger aus als frueher. (Seit 1838 ist die schon bestehende Vierfelderwirtschaft regelmaessig geordnet und festgestellt worden. Von jenenen 65 Dessj., [d.h. den von der Krone bewilligten] sind 25 Dessj. eines jeden Wirts zum Ackerfelde gezogen, wovon jaehrlich drei Teile zum Getreidebau benutzt, ein Teil brach liegt, und nur etwa 1/6 mit Kartoffel bepflanzt wird.) An Stelle des abgeweideten Grases waechst vielfach verschiedenes Unkraut umso ueppiger.
Sobald die Kolonie angesiedelt war, erhielt sie auch den Namen Nr. 9, den sie bei den angrenzenden russischen und nogaischen Nachbarn bis heute gehalten hat. Nachher haben die Ansiedler auf Aufforderung der Obrigkeit ihr den Namen Altonau gegeben, worauf Wirklicher Staatsrat von Kontenius die Ursache dieser Benennung zu erfahren wuenschte. Da verwandelten der Gebietsvorsteher Klaas Wiens und Gebietsbeisitzer Aron Warkentin Altonau in Altona und erklaerten diesen aus einem plattdeutschen und einem hochdeutschen Wort (alto - allzu und nah) bestehenden Namen damit, dass die Kolonie allzu nah bei den damals noch gefuerchteten Nogaiern sich befinde. Die Kolonie war die letzte an der suedwestlichen Seite des ganzen Bezirkes.
Die ersten aus dem Marienburger Kreise Westpreussens stammenden Familien, die hier mit der Partie des nachherigen Gebietsvorstehers Klaas Wiens im Jahr 1803 in die Chortitzer Kolonien gekommen waren, hatten Furcht an die Molotschna zu ziehen, weil die ausgeschickten Kundschafter mit unguenstigen Berichten zurueckgekehrt waren. (Wie die vorliegenden Berichte erweisen, legte die russische Regierung im Schwarzmeergebiet Wert darauf, dass die anzuweisenden Laendereien erst von Deputierten besichtigt wurden.) Der vorurteilsfreie Wiens jedoch machte sich im Fruehjahr 1804 mit samt seiner Familie auf, um an den von der Krone angewiesenen Ansiedlungsort an der Molotschna zu ziehen. Seinem Beispiel folgten die ersten 13 Familien, aus welchen diese Kolonie urspruenglich bestand. (1855: 22 Wirtschaften, 58 Anwohnerfamilien, insgesamt 203 Maenner, 184 Frauen. Vergleiche: 1857: 22 Wirtschaften, 148 Maenner, auf 1430 Desj. und 20 landlose Familien, 57 Maenner). An Stelle der jetzigen Kolonie Altona befanden sich frueher die Zeltwohungen der Nogaier, deren Spuren man heute noch an einigen aufgeworfenen Erd- und Mistwaellen erkennen kann.
Die aermeren Ansiedler Altonas haben von der Krone einen Vorschuss von 1151 R. 28 K. Banko erhalten. Diesen Vorschuss bedurften nur drei Familien, waehrend die uebrigen 22 nach und nach hier angesiedelten Familien 20.000 R. Banko an barem Gelde aus der frueheren Heimat mitbrachten.
Vergleicht man den frueheren Zustand dieser Kolonie mit ihrem jetzigen Wohlstand, zu dem sie sich trotz mancher Fehlernten, Plagen und Schwierigkeiten, wie sie bei den anderen Kolonien bereits geschildert sind, aufgeschwungen hat, so muss jeder Unbefangene gestehen, dass nur eine hoehere geistige Kraft die Triebfeder dazu sein konnte.
Es gibt Augenblicke im menschlichen Leben, die fuer das Herz zu gross sind und uns ueberwaeltigen; koestliche, grosse, selige Augenblicke, wo der Mund vor tiefer innerer Bewegung verstummt, wo von selbst die Haende sich falten, die Blicke den Himmel suchen und das Gebet dem ueberstroemenden Herzen Beduerfnis ist. Ein solch' grosser, seliger Augenblick war im Jahr 1818, als der hochselige Kaiser Alexander I. auf seiner Reise aus der Krim nach St. Petersburg unsere Kolonie mit seinem hohen Besuche beehrte und uns deutsche Ansiedler der Kolonie Altona der Liebe wuerdigte, auf einen Augenblick bei dem damaligen ehrsamen aeltesten Jakob Warkentin abzusteigen.
Aber im Jahre 1825 war es kein Augenblick, sondern Stunden, die die Bewohner dieser Kolonie in grosse Freude setzten. Denn Se. Majestaet beehrte wieder auf einer Reise von St. Petersburg in die Krim mit einem Besuche unserer Kolonie und geruhte in unserer Kolonie Altona in der Mitte seiner deutschen Ansiedler, in der Behausung des damaligen ehrsamen aeltesten Jakob Warkentin eine Nacht zur Ruhe zu bestimmen.
In tiefer Ehrfurcht und frommer Ruehrung danken wir Gott fuer diese koestlichen, unvergesslichen Stunden. Nichts Schoeneres und Erhebenderes gibt es auf Erden, als den frohen Anblick solcher Menschen, denen Gott Macht und Herrschaft, ja das Wohl von Millionen anvertraut, und die seine gnaedige Hand zugleich mit dem Lichte der Weisheit, mit der Waerme ungeschminkter Froemmigkeit und der Anmut sanfter Menschenliebe geschmueckt und gekroent hat. Einen solchen erhebenden Anblick gewaehrten uns jene Stunden und darum beten wir, vereint mit Millionen, fuer das Glueck und die dauerhafte Wohlfahrt des ganzen
Kaiserhauses.

Schulz Johann Wiens,
Beisitzer Jakob Esau, Jakob Klassen,
Schullehrer Johann Wiebe


Quelle: Odessaer Zeitung. 42. Jahrgang, 1904, Nr. 183


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Zuletzt geaendert am 1 Mai 2008