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Mennoniten an Mittel- und Hochschulen
 Einige Mennoniten in Russland die an Hochschulen und Universitaeten studiert haben.
 Studenten aus Chortitza und Rosental an Mittelschulen.
  
 Um in Russland zu studieren mussten unsere Vorfahren ein Gymnasial-Abschluss haben. Mittelschulen waren das Gymnasium (8 Jahre), die Kommerzschule (8 Jahre), die Technische Schule (7 Jahre) die Realschule (7 Jahre) und andere. Die Absolventen von Mittelschulen sicherten sich das Recht zum Studium, falls der Student die Gymnasial-Abschlusspruefung bestand, was nicht leicht war wegen des Unterschieds im Lehrplan der anderen Mittelschulen und der Gymnasien. In Alexandrowsk befanden sich die folgenden mittlere Lehranstalten in der Naehe des Bahnhofs: Kommerzschule, Gymasium, die Technische Schule und das Maedchengymnasium, ausserdem gab es eine Landmesserschule und eine Landwirtschaftsschule. Ein Absolvent der Zentralschule musste in einer Mittelschule eine Aufnahmepruefung bestehen und wurde je nach Ergebnis in die dritte oder vierte Klasse aufgenommen.
Von Chortitza ging jeden Tag ein sogenannten ,,Studentenzug" nach Alexandrowsk. Es fuhren taeglich auch eine betraechtliche Zahl russischer und juedischer Studenten mit dem Zug. Die Juden uebten Druck aus, um zu den Mittelschulen zugelassen zu werden, was die russische Regierung aufzuhalten versuchte. Nur 25 Prozent der Juden wurden zur Handelsschule zugelassen, nur 5 Prozent zum Gymnasium und nur 3 Prozent zur Technischen Schule. Aber die Juden sorgten dafuer sorgten, dass diese Normen regelmaessig erfuellt wurden.

Die Naehe von Alexandrowsk und die relativ grosse Auswahl von Mittelschulen trugen dazu bei dass die Chortizaer ein sehr hohen Bildungsgrad ereichten. Aber auch dank den Mennoniten ereichten diese Schulen ihren guten Ruf. Die Chortitzer Fabrikbesitzer investierten viel in diese Schulen. Zum Beispiel Johann Lepp war im Wohltaetigkeitsrat der Kommerz- und Technischer Schule, in den Jahren 1909-1919 wurde in der Technischen Schule ein so genannte "Peter Lepp - Preis" an die besten Absolventen uebereicht, unabhaengig davon ob es Mennoniten waren oder nicht. Fuer Wohltaetigkeit in der Berufsbildung und in andere Bereichen wurde er im Jahre 1903 mit einer Silbermedalie, 1904 und 1910 mit einer Goldmedalie ausgezeichnet. Im Jahre 1909 wurde er fuer dieselbe Taetigkeit fuer einen Orden vorgeschlagen aber sein Name wurde gestriechen, weil zu diesem Zeitpunkt die antideutschen Diskussionen voll im Gange waren8. Dank solchen Leuten wie Johann Lepp war Alexandrowsk so gut mit hochqualifizierten Fachkraeften und Ingeneueren ausgestattet dass die Russische Regierung im Jahre 1916 beschloss die Flugzeugmotorenfabrik aus Sankt-Petersburg nach Alexandrowsk verlagern. Flugzeugmotoren waren zu diesem Zeitpunkt das anspruchvollste wass die Industrie herstellte, und Sankt-Petersburg war der Industrielle und Intellektuelle Zentrum Russlands. Zum verlagern einer bestehender Flugzeugmotorenfabrik in eine kleine Kreisstadt wie Alexandrowsk, muss mann schon gute Gruende haben. Diese Fabrik hat heute einen der modernsten Forschungszentrums der Welt, und unter den Namen "PO Progress" beliefert unter anderen die groessten Flugzeuge der Welt "An-225" und "Mria" mit Motoren.

   
  Hochschulen in Russland waren die Universitaeten, Instituten und die Akademien.
  Unter den russischen Universitaeten und Hochschulen zogen die Bildungsstaetten von St. Petersburg die meisten mennonitischen Studenten an, aber auch die Universitaeten von Odessa. Charkow, Kiew und Moskau hatten einen guten Ruf unter den Mennoniten. Die bevorzugten Hochschulen und Universitaeten im Ausland waren die Universitaet Basel, das Baseler Evangelische Seminar, das Theologische Seminar Barmen, das Hamburger Baptisten-Seminar und die Universitaeten von Berlin. Jena und Heidelberg.
 N. J. Klassen, der in St. Petersburg und Charkow als Ingenieur studierte, zusammen mit Peter Klassen, der Forstwirtschaft in St. Petersburg studierte, und dem Lehrer und Geschichtler Heinrich Goerz konnten sie in den 60er Jahren eine Liste von 133 russlanddeutschen Mennoniten aufstellen, die ihre Ausbildung an Universitaeten
 

 

 

 

 

 

und anderen Hochschulen in Russland, Deutschland und in der Schweiz erhielten1. Diese Liste enthaelt Angaben ueber den Familienhintergrund, Heim und Beruf des Vaters, Wohnort und Ehe sowie ueber das Fachgebiet des Studiums und die spaetere Beschaeftigung. Dem sozialen Hintergrund nach kamen 33 % der Hochschulabsolventen aus Lehrer-, Prediger- oder Angestelltenfamilien. 32 % entstammten Bauernfamilien, 10 % waren Kinder von Gutsbesitzern und 25 % Kinder von Geschaeftsleuten und Industriellen. (Diagramm 1). Laut Adolf Ehrt7 waren 71,2% allen Erwerbstaetigen Mennoniten in Russland Bauern, 1,9% Gutsbesitzer,
Diagramm 1
 

 

 

 

 

 

 

Diagramm 2 2,9% Gewerbetreibende, 1% Haendler, 20,5% Proletarien (Landlose) und 2,5% Verschiedene (wahrscheinlich Lehrer, Prediger oder Angestellte), . (Diagramm 1). Wenn ich diese "Verschiedenen" richtig zugeordnet habe ergibt sich dass im Durchschnitt aus Gutbesitzerfamilien Kinder 11,8 mal oefter studierten als Kinder aus Bauernfamilien, Geschaeftsleute und Haendler 14,2 mal und bei Lehrer-, Prediger- oder Angestelltenfamilien sogar 29,3 mal. Dies zeigt dass das Interesse, und vielleicht auch die Moeglichkeit, an einer Hochschulbildung bei denn Mennoniten in Russland sehr unterschiedlich war.
 

 

 

 

 

 

 

Unter den 133 ermittelten Personen mit Hochschulbildung waren 18 Aerzte, 40 Lehrer, 12 Kaufleute, 34 Ingenieure, 9 Rechtsanwaelte und 5 Theologen. (Diagramm 3). Die oben erwaehnten Listen enthalten bemerkenswerte Angaben: 28% (37 Personen) der Hochschulabsolventen kamen aus den 18 Doerfern der Chortitzer Kolonie, 31 % (41 Personen) aus den 56 Doerfern der Molotschna, 25% (34 Personen) aus den Tochterkolonien (wahrscheinlich einschliesslich der Kolonie "Am Trakt") und 16% (21 Personen) aus den Stadtgemeinden. (Diagramm 4). Interessant ist dass die Stadtgemeinden, die in der mennonitischer Literatur kaum erwaent werden, halb so viel
Diagramm 3
  
Diagramm 4Studenten hatten wie Molotschna. Dies ist ein Grund sich diese Gemeinden mal genauer anschauen. Mir sind folgende Staedte bekannt in den Mennoniten lebten: Jekaterinoslaw, Alexandrowsk, Berdjansk, Orechow, Omsk, Pawlodar, Slawgorod, Simferopol, Nikopol, Odessa, Barwenkowo, Millerowo. Wahrscheinlich gab es auch noch andere. Am meisten Informationen gibt es uber Jekaterinoslav. 1899 zaehlte man hier 31 Familien mit 158 Seelen. Berdjansk hatte im Jahre 1909 103 Seelen. (P. M. Friesen3 S. 691). Barwenkowo hatte 216 Seelen, Jahr unbekannt, wahrscheinlich der hoechste Stand. Ueber andere Staedte habe ich keine Daten, aber mann kann davon ausgehen dass die Zahl der Mennoniten in diesen Staedten so
 

 

 

 

 

aenlich oder eher niedriger war. Aber der Zuwachs seit 1899 oder 1909 bis 1917 bei der mennonitischen Bevoelkerungin den Staedten war viel hoeher als auf dem Lande. Die Staedten zogen immer mehr Angestellte aus den Kolonien an. In Alexandrowsk war eingentlich keine Stadtgemeinde, aber im Jahre 1911 wurde Schoenwiese, dass am Rande der Stadt lag, an Alexandrowsk angeschlossen. Im Jahre 1909 lebten in Schoenwiese 707 Personen (P. M. Friesen3 S. 691) somit wurde Alexandrowsk mit Abstand die groesste Stadtgemeinde in Russland. Ich wurde die Gesamtzahl der Mennoniten in den Staedten Russlands 1917 hoechstens auf 3 - 4.000 schaetzen. Dass heisst, die Stadtgemeinden hatten den hoechsten Bildungsgrad unter den Mennoniten in Russland und spielten eine viel wichtigere Rolle als es in der mennonitischen Literatur dargestellt wird.

  
Bei N. W. Ostaschewa finden wir dass im Jahre 1917 Chortitza Kolonie 11.836 und Molotschna 27.037 Einwohner hatte5. Daraus ergibt sich dass Chortitza im Jahre 1917 3,1 Studenten auf 1.000 Einwohner hatte, und Molotschna 1,5. Laut Georg Epp gab es in Russland im Jahre 1914 ca.104.000 Mennoniten. (G. Epp2 Band 3 S. 155). Horst Gerlach schaetzt dei Zahl der Mennoniten waerend des 1. Weltkriegs auf ca 120.000 Seelen4. Wenn wir aus diesen Zahlen die Einwohner von Chortitza und Molotschna abziehen kann man ausrechnen dass die Tochterkolonien im Durchschnitt ca 0,5 Studenten auf 1.000 Einwohner hatten. (Diagramm 5). Dieses Ergebnis ueberascht, da Chortitza oft als "einfach (sprich ungebildet) und arm" eingestuft wird im vergleich zu Molotschna.
Diagramm 5
  

Andeseits ist dieses Ergebnis auch nicht so ueberaschend, schon P. M. Friesen (Autor der These "einfach und arm" ueber Chortitza) beschreibt den Zustand der Bildung in Chortitza Kolonie waerend Abram Neufeld die Chortitzer Zentralschule 1890-1905 leitete so: "Seit der Zeit (Neufelds) hat die Alt-kolonier Schule im allgemeinen die Molotschnaer ueberfluegelt... Die starke Haelfte der Dorfschulen des Chortitzer Bezirks (mit Schoenwiese) ist zwei- bis vierklassig geworden, die Zentralschulen des Chortitzer Bezirks und Ursprungs sind vierklassig (abgesehen von der paedagogischen Klasse) bei 5 Lehrern (gegen drei Klassen bei drei Lehrern der Zentralschule der Molotschna und Molotschnaer Ursprungs)." ( G. Epp2 Band 3 S. 133 ; PMF3 S. 618-620). Und wie dieses Ergebnis zeigt wurde unter der Leitung von Heinrich Epp (1905-19) dieser Vorsprung noch groesser. 1920 wurde im der Titel Professor an der Universitaet von Moskau anerkannt6.

  

 

   
  
Quellen:
1. N. J. Klassen "Mennonite Intelligentsia in Russia" in Mennonite Life. April, 1969, S. 51-60
  2. Geschichte der Mennoniten in Russland. Epp George, Detmold. 1997. Band 3, S. 157
  3. Alt-Evangelische Mennonitische Bruderschaft in Russland. P. M. Friesen. 1911. Halbstadt. 2 Ausgabe 1991. Deutschland
  4. Die Russlandsmennoniten. Ein Volk unterwegs. Horst Gerlach. 1992. Pfalz S. 29
  5. Na perelome epoch. N. W. Ostaschewa. 1998. Moskau S. 80
  6. Erste Mennoniten Doerfer Russlands 1789-1943. Chortitza-Rosental. N. J. Kroeker, 1981. Vancouver. S. 170
  7. Das Mennonitentum in Russland. Adolf Ehrt. Berlin. 1932. 2 Ausgabe 2003. Steinbach. S.
   8. N. W. Ostaschewa "Dinastija Leppow i jich predprijatie" in "Worposy germanskoj istorii" Band 2. 1998. Universitaet Dnepropetrowsk S. 59
Zuletzt geaendert
   
am 10 Maerz 2006